Zwei Jahre Über/Strom

Fast vergessen: Über/Strom hatte schon wieder Geburtstag. Seit zwei Jahren gibt es jetzt diese Mischung aus Blog und Online-Zeitschrift, immer noch auf der Suche nach der Beziehung von Mensch und Digitalisierung.

Das Design der Seite hat sich immer mal wieder verändert; auch habe ich vor ein paar Monaten die Kategorie „Interview“ eingeführt, weil das ja doch ein recht wichtiger Bereich geworden ist.

Ich könnte nun langweilige Statistiken benennen; auswerten, was für Artikel und Themen „gut liefen“ und welche weniger gut, aber ich denke nicht, dass das wirklich von Interesse ist. Ich möchte viel lieber Uta Buttkewitz, Kathrin Marter und Jessica Kathmann für ihre Beiträge danken, und allen Leser*innen für Ihr Interesse! 🙂 Mal sehen, was das nächste Jahr so bringt.

Die Buchreihe

Die Über/Strom-Website begleitet die gleichnamige Buchreihe, deren erste zwei Bände 2020 erschienen sind:

Und bald erscheint der nächste Band:

Weitere Bände sind in Arbeit.

Eine Auswahl interessanter Artikel

Wie schon letztes Jahr, folgt auch hier wieder eine unvollständige Auswahl interessanter Artikel, die seit Beginn veröffentlicht wurden. Die Liste habe ich teils so gelassen wie 2020, teils etwas angepasst, damit sie nicht zu lang wird.

Gesellschaft / Medien / Kommunikation

Leben mit Technik

Umwelt und Nachhaltigkeit

Leben mit (und ohne) Corona

Bücher und Filme

Neben den hier aufgeführten Artikeln gibt es noch eine ganze Menge mehr — über das Kategorien-Menü, das Archiv auf der rechten Seite und die Schlagwort-Wolke kann man sie durchstöbern.

„Let’s Play“: Mario Donick macht die Welt der Computerspiele auch für Nicht-Spieler*innen erfahrbar

Ich gebe zu: Das letzte Mal habe ich ein Computerspiel Mitte der 1990er Jahre zu Studienzeiten gespielt. Und ich kann mich noch erinnern, dass ich als Kind bei einer befreundeten Familie den Commodore 64 kennengelernt habe, mit dem wir per Joystick zum Beispiel die Olympischen Spiele gespielt haben. Das hat mir schon Spaß gemacht, fand ich aber nicht besonders faszinierend. Nun könnte ich das Klischee bedienen, dass Mädchen sich nicht so sehr für Computerspiele begeistern – statistisch gesehen ist da sicher auch etwas dran. Ich bin aber bis heute nicht der „Spieletyp“; d. h. meine Interessen liegen eben einfach woanders.

Das sind scheinbar keine besonders guten Voraussetzungen, um eine Rezension zu Mario Donicks neuem Buch „Let`s Play: Was wir aus Computerspielen über das Leben lernen können“ zu schreiben, dem zweiten Band der Buchreihe „Über/Strom“. Und obwohl ich keine Computerspiele spiele, begeistert mich dieses Buch, da ich viel Neues gelernt habe – zum Beispiel, dass es neben Spielen mit kriegerischen, Science-Fiction oder Mystery Themen auch Spiele gibt, mit denen man eine Stadt bauen und entwickeln, bestimmte Berufe ausprobieren oder sogar das Leben eines Demenzkranken nachempfinden kann.

Donick beschäftigt sich in seinem Buch auch mit Vorurteilen, denen Computerspiele ausgesetzt sind; so zum Beispiel, ob das stundenlange Spielen von Kriegsspielen bei bestimmten Menschen die Hemmschwelle, Menschen Gewalt anzutun bzw. Krieg als „normal“ zu empfinden, senkt. Donick spricht sich dagegen aus, dass Computerspiele per se Spieler*innen gewalttätiger werden lässt, stellt aber trotzdem die Frage in den Raum, wie Menschen reagieren, wenn sie durch das Spielen ihre „dunkle Seite“ kennenlernen und betont, dass man als Person reflektiert und gefestigt sein muss, um gegen zu große Einflussnahme durch Spiele immun zu sein bzw. darüber bewusst nachzudenken, welche Gefühle, Regungen und Gedanken bei Spielen ausgelöst werden, wie man damit umgeht und diese Beobachtungen einordnet.

Um verschiedene Arten von Computerspielen zu beschreiben verwendet Donick die Unterscheidung von „geschäftig sein“ und „tätig sein“, die auf den Philosophen Erich Fromm zurückgeht, und greift dabei auch die von dem Medientheoretiker Marshall McLuhan entwickelte Theorie von „heißen“ und „kalten“ Medien auf. Während man zum Beispiel bei „heißen“ Spielen vor allen Dingen geschäftig unterwegs ist, es festgelegte Spielfunktionen gibt und nicht so viel eigenes Nachdenken bzw. eigenständige Aktionen nötig und möglich sind, sind die Spieler*innen bei so genannten „kalten“ Spielen selbst gefordert, müssen und können viele eigene Entscheidungen treffen und Ihr Spielen selbst gestalten.

Es ist für das Thema Computerspiele ein absoluter Gewinn, dass ein Geisteswissenschaftler wie Mario Donick darin Experte ist und ein Buch darübergeschrieben hat. Im äußerst gelungenen Kapitel „Spiele und die Conditio Humana“ lotet Mario Donick aus, dass wir uns durch das Spielen selbst besser kennenlernen können – ganz anders als es bei der Rezeption von Literatur, Film und Musik möglich ist. Wir verspüren dabei zwar auch Selbstwirksamkeit, vergleichen Gelesenes und Gesehenes mit unserem eigenen Leben und können uns daran orientieren. Beim Spielen müssen wir jedoch unsere passive Haltung verlassen, aktiv werden und werden dadurch mit unseren verborgenen Seiten konfrontiert, die einem vielleicht erst einmal nicht ganz geheuer sind und aus dem Gleichgewicht bringen können. Andererseits können wir dadurch auch neue Seiten an uns entdecken, dürfen Held*in sein und durch das eigene Handeln erfahren, wodurch wir die Welt positiv oder negativ verändern.

Böhmermann und Precht zur Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz

Letzte Woche Sonntag habe ich im ARD-Magazin „Titel, Thesen, Temperamente“ einen Beitrag über den Moderator und Journalisten Jan Böhmermann gesehen, der gerade sein Buch mit dem Titel Gefolgt von niemandem, dem du folgst: Twitter-Tagebuch. 2009-2020 veröffentlicht hat. Mein erster Gedanke war: Meine Güte, jetzt bringt der Böhmermann auch noch so ein nichtssagendes Twitter-Buch heraus, angelehnt an Rainald Goetz` Abfall für alle oder an Walter Kempowskis Tagebuch Alkor. Aber dann wurde ich hellhörig, als Böhmermann den Grund für die Veröffentlichung des Buches erklärte und nicht mit dem üblichen Allgemeinplatz daherkam, dass unsere reale Welt sich mittlerweile vor allem digital abspielt und wir deshalb anhand von Tweets die Geschehnisse der Welt erklären können. Nein, Böhmermann sprach sehr differenziert von einem Paralleluniversum, zu dem wir uns jeden Tag neu verhalten müssen und welches aufgrund seiner Konstruiertheit eben nicht die reale Welt abbildet. Dadurch werde zum Beispiel der Eindruck erweckt, als wenn fast schon die Mehrheit der deutschen Bevölkerung rechts denkt, weil die Rechten die sozialen Medien sehr clever für sich zu nutzen wissen.

Böhmermann plädiert für die Vergemeinschaftung von Google, Twitter & Co. Es ist nicht etwa so, dass er die erste prominente Person ist, die auf diesen Gedanken kommt. Aber in dieser eindrücklichen Form und mit einer klar verständlichen, einleuchtenden Argumentation, habe ich es lange nicht vernommen – nämlich, dass Google, Facebook und Twitter mittlerweile eine Infrastruktur bilden, die zu wichtig und systemrelevant ist (ähnlich wie Eisenbahn, Telefon, Fernsehen u.a.), um sie in der Hand von kommerziellen Firmen zu belassen.

Richard David Precht schreibt in seinem neuen Buch Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens, dass Google, Facebook und Amazon die Ökonomie mittlerweile soweit verändert haben, dass diese Firmen nun selbst zu Märkten wurden: „Kontrolliert wird der Markt nicht durch staatliche Ordnungspolitik, sondern durch eine Reihe subtiler Methoden wie Interfaces, Ratings und Trackings, durch die sich Nutzerverhalten steuern und Daten schöpfen lassen.“

Das sind alles keine ganz neuen Erklärungen – aber es ist wichtig, sie immer wieder zu äußern, um bei den Menschen die Reflexion darüber zu schärfen, wie sehr sie schon von der Digitalisierung und ihren (scheinbaren) Innovationen abhängig sind. Precht betont in seinem Buch den Unterschied zwischen Innovation und Fortschritt, nämlich, dass jede neue Innovation zur Künstlichen Intelligenz aus dem Silicon Valley noch lange kein Fortschritt für die gesamt Menschheit bedeutet. In erster Linie gehe es den „Propagandisten der Hightech-Konzerne“ nicht darum, das soziale menschliche Miteinander auf unserem Planeten zu verbessern, sondern um rein wirtschaftliche Interessen. Und dieses ökonomische Ziel einiger Konzerne steht im starken Widerspruch zu gemeinsamen Interessen aller Menschen, wofür Ethik-Kommissionen und differenzierte Debatten in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen notwendig sind. Mario Donick hat darüber auch in seinem Essay „Cyborg gegen KI? Elon Musks „Neuralink“ geschrieben.

Gleichzeitig stellt sich Precht jedoch auch die Frage, was im Zuge der Weiterentwicklung von KI mit dem einzelnen Menschen passiert, der zwar als Konsument*in, Verbraucher*in und Nutzer*in eine große Rolle spielt, jedoch nicht, wenn es um sein ganz persönliches Wohlbefinden geht. Und ist es nicht auch wirklich so, dass durch Digitalisierung und KI den Menschen technische Neuerungen aufgezwungen werden, die sie subjektiv für sich gar nicht so positiv bewerten, aber in einem technischen Ordnungsrahmen gefangen sind, der ihnen nicht nur einen wissenschaftlichen objektiven Fortschritt bietet, sondern auch versucht, in seinen ganz persönlichen, privaten Bereich vorzudringen? Im Rückgriff auf den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard fragt Precht, wie wir in der modernen, digitalisierten Welt unseren Platz finden, glücklich werden können und unsere eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse nicht in den Hintergrund drängen lassen. An dieser Stelle hat Precht einen ganz wichtigen, wunden Punkt getroffen; nämlich inwiefern wir uns durch den derzeitigen Optimierungsfuror von unserer eigenen Natur zu weit entfernen könnten. Im Gegensatz zu Precht bin ich in dieser Hinsicht jedoch etwas optimistischer.

(Titelbild: Gerd Altmann auf Pixabay.com)