Die Orthaftigkeit medialer Räume, Beispiel New York

Viele geographische und soziale Räume kennen wir nur aus den Medien. Trotzdem fühlen sie sich an, als würde man sie kennen. Man verbindet etwas mit ihnen. Vielleicht hat man sogar das Gefühl, nach Hause zu kommen, wenn man sich ihnen medial aussetzt. Sie werden zum Medien-Ort. Besonders prägnant in dieser Hinsicht ist die US-amerikanische Großstadt New York.

Vorhin habe ich mir das Angebot einer Pizza-Lieferkette durchgelesen. Kurz hängen blieb ich bei einem Pastagericht, das den schönen Namen „Central Park“ trägt. Neben Nudeln besteht das Gericht aus Pesto-Sauce, Pilzen und Bacon-Chips. Ich habe keine Ahnung, was das mit New Yorks bekanntem Park zu tun hat, aber der Klang des Namens mit all seinen Assoziationen wirkt trotzdem. Er macht mehr aus dem Convenience-Essen als dahinter steckt. Der Central Park — den kennen wir doch alle, selbst wenn wir noch niemals dort waren, und wenn es aus Zitaten berühmter Personen ist.

Öfter sind es aber Film und Fernsehen: In der Comedyserie Friends (1994-2004, sie wird am 22. September 25 Jahre alt) spielte der Name des Cafés „Central Perk“ auf den Park an. In Sex and the City (1998-2004) spielten einige wichtige Szenen mit „Mr. Big“ an Orten im Central Park, nämlich am Central Park Lake und im Plaza Hotel südlich des Parks. Im selben Hotel spielte auch eine Szene in Mad Men (2007-2015). In How I Met Your Mother (2005-2014) wird Marshall angeblich von einem Äffchen beklaut und gräbt Robin nach einem verlorenen Medaillon. Der erste Teil der Filmreihe Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind (2016) im Harry-Potter-Franchise hat eine ausgedehnte Szene im Central Park. Viele weitere Filme wurden dort gedreht, u.a. Breakfast at Tiffany’s (1961) und Ghostbusters (1984). Die Website des Central Park gibt an, dass er mit über 350 Filmen der häufigste Drehort der Welt sei.

Interessant am 1859-1873 eingerichteten Central Park ist, dass er eine Konstante in der sich stets verändernden „city that never sleeps“ (die aber wohl doch mal schläft) ist: Während sich die Stadt um den Park herum laufend veränderte, blieb die Anlage im Wesentlichen erhalten. Auch für Außenstehende ist er sofort zu erkennen, in Luftaufnahmen Manhattans oder beim Blick auf eine Landkarte (zum Beispiel den Streckennetzplan der New York Subway … ich habe ja eine Vorliebe für Streckennetzpläne und die Geschichten, die ihre Ortsnamen erzählen, auch ohne, dass ich jemals dort war). Der Park ist ein Orientierungspunkt auch für jene, die nur in filmischem, literarischem oder spielerischem Fernweh schwelgen. Er ist Orientierungspunkt für einen Ort, an dem man nie war.


Craig Armstrong feat. Evan Dando – Wake up in New York (2002) / inoffizielles Video von Olesya Barkovskaya (2011)

Medien-Orte

Ein Ort ist ein Raum, den wir erlebend mit Bedeutung aufladen. Im Englischen spricht man von space, der zum place werden kann. Wenn Räume, die in Medien gezeigt werden, für uns Ortscharakter oder Orthaftigkeit gewinnen, obwohl wir ihn nur medial vermittelt wahrnehmen, möchte ich sie als Medien-Orte bezeichnen. Ein Medien-Ort entsteht, wenn Räume in Medien dargestellt werden, oder Medien anderweitig auf Räume Bezug nehmen, und wir bei der Rezeption der Medien oder im (z.B. spielerischen) Umgang mit Medien Bedeutung generieren, die nicht nur das jeweilige „Thema“ fokussieren, sondern auch den Ort selbst eine Hauptrolle zuweisen.

New-York-Filme gibt es wie Sand am Meer: Martin Scorseses New York, New York (1977), Woody Allans Manhattan (1979) oder der Episodenfilm New York, I Love You (2008). Für Fernsehserien gilt fast dasselbe — zu den oben genannten Comedyserien gesellen sich z.B. noch das erfreulich diverse Brooklyn 99 (seit 2013), King of Queens (1998-2007) und Seinfeld (1989-1998). Zu nennen sind natürlich auch die Krimiserie CSI: New York (2004-2013) und ggf. Die Sopranos (1999-2007, wenn man New Jersey mal großzügig dazu zählt). Auch in Büchern ist die Stadt oft Bühne und quasi Charakter; zuletzt in Erinnerung geblieben ist mir Teju Coles flaneurhaftes Open City (2014, siehe die Rezension bei schiefgelesen.net) sowie Garth Risk Hallbergs monumentales City on Fire (2015). Aber auch die Jerry Cotton-Heftromane oder die Hörbuchreihe Manhattan 2058 (beide stammen aus Deutschland) tragen ihren Teil zum literarischen New York bei. In Computerspielen wurde New York ein begehbares Denkmal gesetzt als „Liberty City“ in der Grand Theft Auto-Serie (Teil III in 2001 und Teil IV in 2008). Musikalisch muss man natürlich an Frank Sinatra denken, meine persönliche „mediales New York“-Hymne ist aber Craig Armstrongs Wake Up in New York (2002, siehe das Video weiter oben).

Der fiktionale Rahmen, der durch diese Medienvielfalt gespannt wird, lässt sich anreichern durch Reiseführer, Dokumentationen oder Zeitungen, die zumindest einen Ausschnitt des „echten New York“ versprechen — wie etwa die New York Times (in deren App ich mir äußerst gerne Immobilien anschaue, die ich mir nie werde leisten können, die aber offenbar für die Zielgruppe dieser Zeitung genauso relevant sind wie die permanente Cartier- und Louis Vuitton-Werbung in ihrer gedruckten Ausgabe oder in ihrem Magazin).

Die New-York-Bilder der verschiedenen Medien ergänzen sich. Unterschiede verwischen, Fiktion vermischt sich mit Realität, und die Grenze ist für Außenstehende nicht erkennbar. Man weiß um die Fiktionalität, man rechnet mit Klischees, man hat gehört, dass gerade die Comedy-Serien der 1990er bis 2000er ein unrealistisch weißes Bild von New York präsentieren, und doch geht man als Tourist in die Friends-Ausstellung zum Serienjubiläum oder sucht nach „MacLarens Bar“ (die es, wenn Geld oder Klimagewissen eine Reise nach New York nicht hergeben, als Nachbildung auch in Berlin gibt).

Nimmt man all das zusammen, hat man einen Medien-Ort „New York“, von dem man kaum annehmen kann, dass er mit dem Vorbild viel zu tun hat, der aber gleichwohl sehr reichhaltig gestaltet ist. Man erlebt diesen Ort gemeinsam mit Freunden: echten Freunden, z.B. beim gemeinsamen Fernsehen oder darüber-reden, und fiktionalen Freunden, nämlich den Protagonisten der Medien, z.B. den ewigen Endzwanzigern der genannten Comedyserien, den Verbrechern, die man in GTA spielt, oder den Polizisten, die in CSI: NY Verbrecher jagen. Durch wiederholte Rezeption kann man immer wieder an den Ort zurückkehren kann, ohne je dort gewesen zu sein, und immer neue Medien lassen den Ort nie langweilig werden, er verändert sich mit uns.


Der Hintergrund ist entscheidend

Damit ein Medien-Ort seine anziehendes Potenzial entfalten kann, muss er — wie jede Kommunikation — sich vor einem Hintergrund abheben, nämlich vor dem, was man aus eigener Erfahrung kennt und das im Vergleich zum Medien-Ort in irgendeiner Weise defizitär erscheint.

Medien-Orte zeigen etwas, das wir aktuell nicht haben, und das uns, wenn schon nicht attraktiv im engeren Sinne erscheint, doch zumindest so fasziniert, dass wir uns immer wieder damit beschäftigen. Das kann neben Kunst und Kultur, und womöglich unendlich vielen inspirierenden Eindrücken auch einfach die schiere Größe sein, die Lautstärke, das Verkehrssystem, die Diskrepanz aus Hoffnung und Scheitern.

Das mediale „New York“ gäbe es nicht, wenn nicht auch das echte New York fast mythisch aufgeladen wäre (was wir in der Regel natürlich auch nur aus Medien wissen). Jahrelang war New York verheißungsvolle erste Anlaufstation für europäische Aus- bzw. Einwanderer, die hofften, in Amerika ein neues, vielleicht glücklicheres Leben beginnen zu können. Und noch immer wird am New-York-Mythos gearbeitet. 2017 hat die Süddeutsche Zeitung eine Serie dazu veröffentlicht, in der im Stil von Reiseführern über Klischees und Wirklichkeit berichtet wird. Sogar die Reise der Klimaaktivistin Greta Thunberg baut den Mythos aus — Ziel ihrer Reise mit dem Segelboot musste natürlich New York sein. (Dort ist immerhin der Hauptsitz der Vereinten Nationen, theoretisch das staatenübergreifende Zentrum der Welt, praktisch leider ziemlich machtlos.)


Medien-Orte, Urlaubsorte

Ein häufiges Phänomen: Man zieht weg aus einer Stadt, die für andere Leute als erstrebenswert gilt und wird dafür von den Bewohner*innen am neuen Wohnort überrascht, fast vorwurfsvoll angesehen:

„Wie kannst du nur, da hast du doch Strand, und die schöne hansestädtische Architektur, und ich fahr da zum Urlaub hin!“

(Ja, eben — zum Urlaub, darum wird der gewöhnliche Alltag, der dort genauso ist wie anderswo übersehen.)

„Ja, aber an den Strand geh ich vielleicht zwei, drei Mal im Jahr.

„Ach so? Also ich würde da jeden Tag hinfahren. Oder jedes Wochenende.“

„Nein, würdest du nicht.“ (Aber das spreche ich nicht aus).

[Besonders wirkungsvoll wird der Vorwurf übrigens, wenn man den Sehnsuchtsort Anderer verlässt in Richtung einer Stadt, die gemeinhin als unattraktiv gilt. 2015 sind wir von Rostock nach Magdeburg gezogen, und genau da mussten wir solche Dialoge führen. Rostock und Umgebung sind oft Urlaubsort für Magdeburg*innen.]

Der Blick auf Medien-Orte ähnelt diesem verklärten Blick auf Urlaubsorte. Im Gegensatz zu echten Orten sind Medien-Orte und Urlaubsorte kuratierte Orte. Sie zeigen in Auswahl nur das, was man sehen soll oder sehen möchte, und so ist es einfacher, Diskrepanzen auszublenden. Der normale Alltag findet nicht statt oder wird selbst medial ins Positive übertrieben. Daraus gewinnen Medien-Orte und Urlaubsorte ihre Anziehung.

Flugangst — Flugspaß — Flugscham

Spätestens seit den Fridays For Future-Protesten widmen sich wieder viele Medien dem negativen Einfluss, den das Fliegen auf das Klima ausübt. In manchen Artikeln geht es um Alternativen für den nächsten Urlaub, in anderen betonen die Autor*innen, weiter fliegen zu wollen. Manchmal wird der Ruf nach nicht-fliegender Vorbildwirkung laut, manchmal auch nach Verboten. Es wird über alternative Antriebe spekuliert, und es wird berichtet, dass Fluggesellschaften trotz allem keinen Rückgang bei den Passagierzahlen verzeichnen. Ich könnte diesen Diskurs mit Interesse zur Kenntnis nehmen und seine persönlichen Folgen für mich auf die Urlaubsfrage reduzieren. Allerdings ist es nicht ganz so einfach.

Eine ganze Weile hatte ich Flugangst.

Diese Angst hatte sich nach ersten beiden Flügen entwickelt. Während die noch so neu und aufregend waren, dass an Angst nicht zu denken war, kamen bei den weiteren Flügen lauter Fragen auf. Ganz viele Unklarheiten, auf die ich keine Antworten hatte und die mich zunehmend nervös machten. Obwohl ich paradoxerweise zeitgleich viel Flugsimulation am Computer betrieb, war das damals noch zu unsystematisch, als dass mir das bei diesem Problem geholfen hätte. Fast zehn Jahre später fing ich deshalb in einem Anflug von Größenwahn an, einen Ultraleicht-Flugschein (UL) zu machen. ULs sind kleine Motorflugzeuge (noch kleiner als die bekannten Cessnas); das Flugzeug, mit dem ich lerne, ist eine C42C der Firma Comco-Ikarus. Im Reiseflug fliegt man mit ca. 140 km/h und verbraucht dabei ca. 15 Liter pro Stunde MoGas (was im Prinzip wie Super-Plus-Benzin ist).

Ich habe mittlerweile ca. 30 Flugstunden, bin aber noch weit vom Abschluss entfernt, da ich aus zeitlichen und finanziellen Gründen oft monatelange Pausen einlegen muss — zuletzt bin ich Ende März UL geflogen. Trotz dieses zähen Vorankommens haben mir die Flugstunden geholfen, die Abläufe des Fliegens und die physikalischen Zusammenhänge zu verstehen. Auch nach längeren Pausen verfalle ich nicht mehr in Schreckstarre, wenn es losgeht. Turbulenzen stören mich nicht mehr. Dadurch kann ich jetzt endlich auch entspannt mit Passagierflugzeugen in den Urlaub fliegen und voller Faszination für die Schönheit der Erde aus dem Fenster blicken, wenn wir scheinbar friedlich über den Wolken schweben — und, polemisch gesagt, ausgerechnet jetzt soll ich damit aufhören? Nachdem der Weg von Flugangst zu Flugspaß ein so langer, nicht gerade billiger und psychisch nicht so einfacher war, und ich jetzt endlich wirklich Spaß am Fliegen habe? Wie gesagt, polemisch ausgedrückt.

Mediale Beiträge zum positiven Bild des Fliegens

Das ist aber nur der eine Teil. Der andere betrifft meine freiberuflichen Tätigkeiten als Autor von Sachtexten. Denn neben meinem 25-Stunden-Job als Angestellter bei einem Kommunikationsdienstleister (wichtig für Krankenkasse und Miete) verdiene ich einen guten Teil meines Geldes mit Texten, die das Fliegen in einem positiven Licht darstellen: Ich schreibe Rezensionen und Workshops für das FS MAGAZIN, in dem es um Flugsimulation geht, also die teils sehr komplexe und realistische Nachstellung vom Fliegen am Computer. Ich erstelle Handbücher für die Hersteller von Simulationen, in denen ich die Funktionsweise der simulierten Flugzeuge erläutere (inklusive teils schwärmerischer Ausschweifungen über das jeweilige Flugzeug). Und ich habe auch schon mal für das Air Facts Journal und das fliegermagazin über echtes Fliegen geschrieben.

Aus Rückmeldungen und Gesprächen bekomme ich immer wieder positives Feedback zu meinen fliegerischen und über-das-Fliegen-schreibenden Aktivitäten — manchmal sogar so etwas wie ein paar Sekunden Bewunderung. Allerdings drückt genau das ein Problem aus: Indem ich positive Texte über das Fliegen schreibe, darüber spreche oder Fotos von eigenen Flugstunden poste (was allerdings, seit ich Facebook abgeschafft habe, sehr nachgelassen hat), stelle ich das Fliegen als etwas Erstrebenswertes, als etwas Schönes dar. Auch die Flugzeuge, über die ich schreibe, erscheinen in einem positiven Licht (denn ich schreibe nur über solche, die ich ganz naiv-emotional mag).

Meine Arbeit entspricht also schon fast dem Punkt 10 des Positionspapiers des Netzwerks Stay Grounded, nämlich „Werbung für Flugreisen und andere Marketing-Instrumente der Reise-, Luftfahrt- und Flugzeugherstellerindustrie“, die laut Stay Grounded „beendet“ werden müsse. Stay Grounded setzt sich dafür ein, umweltfreundliche Alternativen zum Fliegen zu schaffen (der oben verlinkte ZEIT-Artikel „Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“, stammt u.a. von einer Autorin, die zu Stay Grounded gehört).

Obwohl ich zwar nicht direkt für die von Stay Grounded genannten Industriezweige schreibe, so trage ich doch zu einer medialen Atmosphäre bei, die das Fliegen insgesamt befördert und positiv darstellt. Und das tue ich in vollem Bewusstsein darüber, dass eine positive Einstellung zum Fliegen mir dabei hilft, Geld zu verdienen — ich will ja, dass Leute die Zeitschriften kaufen, für die ich Artikel geschrieben habe, oder die Simulationen erwerben, denen meine Handbücher beiliegen, denn das verschafft mir nicht nur Tantiemen, sondern auch Hoffnung auf künftige Aufträge. Das ist sozusagen eine neben-/freiberufliche ökonomische Nische, in der ich mich seit einigen Jahren gemütlich eingerichtet habe. Damit werde ich zwar — im Sinne des sogenannten Äquivalenzeinkommens — nicht reich, aber liege ziemlich im Median. Diese bequeme Nische zu verlassen, mit der ich Spaß und Arbeit verbinde, kann ich mir derzeit nicht vorstellen.

Zurzeit Ratlosigkeit.

Man sieht also, zu diesem Thema habe ich noch eine Menge kognitive Dissonanzen zu bearbeiten — aber eine schnelle Antwort wird es darauf wohl nicht geben. Zumal das Fliegen nur einer der Vorzüge ist, die meiner privilegierten Position entstammen (in Westeuropa sozialisiert, weiß, männlich) und es noch viele weitere Punkte gibt, die aus dieser Position herrühren und die „man“ eigentlich ändern müsste (Stichwort: Imperiale Lebensweise bzw. Post-Wachstumsökonomie bzw. Degrowth). Vielleicht haben am Ende daher doch diejenigen unter den oben verlinkten Autor*innen recht, die mehr Scham und Verbote fordern. Weil sich von selbst zu wenig ändert.

Eine Welt ohne Puls, Verbindlichkeit und Tiefe…tatsächlich. (Teil 2)

Dies ist die Fortsetzung des ersten Teils, den Sie hier finden.

Fernsehen vs. Computer

Während man das Fernsehen und den Computer sowie die Vernetzung von Computern (eine wesentliche Eigenschaft des Internets) noch als technologische Weiterentwicklung bezeichnen konnte, sind die neuen Anwendungen im Rahmen des Internet vor allem durch marktrelevantes Agieren der Wirtschaft entstanden, indem ständig neue Bedürfnisse kreiert werden – mit dem Ziel, neue Absatzmöglichkeiten zu schaffen. Beim Fernsehen handelte es sich um eine mediale Revolution – es entstand eine zweite Realität, die simultan eine Vielzahl von Zuschauern erreichte und in Echtzeit abgebildet wurde. Damit wird den Fernsehzuschauern suggeriert, dass die Realität genau SO stattfindet, wie sie sie in dem Moment des Schauens wahrnehmen. Es ist schwer, zu abstrahieren, dass es sich bei den Fernsehbildern nur um einen Wirklichkeitsausschnitt handelt, der in komplexe kausale Zusammenhänge eingebettet ist, die von den Fernsehbildern nicht gleichzeitig mitvermittelt werden können. Während das Fernsehen aber noch durchaus die Menschen zusammengebracht bzw. einen gemeinsamen Konsens hergestellt hat, führen die neuen Entwicklungen wie Facebook, Instagram und Twitter dagegen zu weiterer Individualisierung – nicht zu verwechseln mit dem Begriff der Einsamkeit. Auch vor dem Fernseher sitzen viele Leute allein, aber die neuen medialen Anwendungen rund um das World Wide Web führen dazu, dass die Menschen ihre Individualität und dementsprechend auch ihre persönlichen Wünsche in den Vordergrund stellen – das heißt, paradoxer Weise führen die sozialen Netzwerke eben nicht zu sozial engeren Beziehungen, die moralisches Verhalten, gegenseitige Rücksichtnahme, Empathie und altruistische Handlungen fördern. Die sozialen Netzwerke führen nicht zu neuen, bedeutungsschweren Texten oder Gedanken, sondern sie potenzieren lediglich die Anzahl von redundanten Texten, die nichts meinen oder aussagen. Und wenn doch mal gute Gedanken dabei sind, gehen sie sofort unter, ohne dass irgendjemand länger darüber nachgedacht hat. Aber nur wenn ein Rezipient länger über einen Text oder über die Gedanken eines anderen nachdenkt – entsteht Kommunikation und nicht lediglich ein Kontakt.

„Man ist durch diese Entwicklung in der Tat der Welt des Taktilen näher als der des Visuellen, in der die Distanzierung größer, die Reflexion jederzeit möglich ist. In dem Moment, in dem die Berührung für uns ihre sensorische, sinnliche Bedeutung verliert („die Berührung ist eher eine Interaktion der Sinne als ein bloßer Kontakt zwischen der Haut und einem Gegenstand“), ist es möglich, daß sie wieder zum Schema einer Welt der Kommunikation wird – aber als Spielraum für die taktile und taktische Simulation, wo die „message“ zur „massage“ wird, zur alles erfassenden Anstrengung, zum Test. Überall wird man getestet, betastet, die Methode ist „taktisch“, die Sphäre der Kommunikation ist „taktil“. Ganz zu schweigen von der Ideologie des „Kontakts“, die in all ihren verschiedenen Formen darauf abzielt, die Idee des sozialen Zusammenhangs zu ersetzen.“ ( Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod, S. 101.)

In dem Moment, wenn eine Nachricht auf dem Smartphone erscheint bzw. durch Vibration oder einen Klingelton angezeigt wird, werden wir davon unmittelbar berührt – durch eine Direktheit in ihrer unmittelbarsten Form, die kein distanziertes Verhalten zu der Nachricht ermöglicht. Im Gegenteil – sie stellt eine Art Bedrohung dar und fordert möglichst in kurzer Zeit von uns eine Antwort. Der Kommunikationswissenschaftler Mario Donick schreibt, dass „[…] in Medien reproduzierte radikale Aussagen zu einer Reaktion bedrängen. Sie fokussieren auf sich und engen den Blick auf sich ein. Sie fragen: ‚Auf welcher Seite stehst du ?‘ und sie fordern: ‚Du musst dich entscheiden‘. Sie setzen unter Druck“ ( Donick, Mario: Head Canon: Medien im epikritischen Zeitalter. Essay in sechs Teilen. 4/6, S. 3.) Wir sind dadurch fremdbestimmt, weil die Nachricht uns aus einer bestimmten Situation herausholt und uns in Sekundenschnelle in eine positive oder negative Stimmung versetzen kann. Es besteht zumindest potentiell die Gefahr, dass unser Gefühlsleben von jetzt auf gleich beeinflusst wird. Das kann natürlich auch durch das herkömmliche Telefon, Radio oder Fernsehen passieren. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass die Kommunikation in Form von SMS oder Whatsapp die unmittelbarste Art der Kommunikation ist, die es bis zum jetzigen Zeitpunkt gibt. Via Telefon lässt sich diskutieren, man kann sich zu seinem Gegenüber verhalten und Gesprächsthemen verhandeln. Eine kurze heiße Nachricht ist jedoch plötzlich da und verlangt nach einer Reaktion. Marshall McLuhan differenziert zwischen heißen und kalten Medien: Heiße Medien wie das Radio und die Fotografie sind sehr detailreiche Medien, die nur wenig „persönliche Beteiligung“ durch den Zuhörer ( McLuhan, Marshall: Heiße Medien und kalte. (1964) In: Kursbuch Medienkultur, Stuttgart, 2004, S. 45 ff.) oder Betrachter benötigen, während das Telefon als kühles Medium dem Zuhörer und Sprecher einen hohen Konzentrationsgrad abverlangt. Nach dieser Kategorisierung hätten wir es bei der Kommunikation via SMS oder Whatsapp mit einem äußerst heißen Medium zu tun. Die Form der taktilen Kommunikation unterbindet jede Form einer Diskussion und eines kommunikativen Aushandelns. Erst wenn dem Rezipienten die Chance und Zeit gegeben wird, über einen Sachverhalt zu reflektieren, entstehen Diskussionen, die wiederum im Dialog mit anderen zu neuen Gedanken weiterentwickelt werden können, d.h. es entsteht die gemeinsame Arbeit an einer Idee. Und genau dieses gemeinschaftliche Denken wird momentan unterbunden. Man möchte Facebook und Co. nicht unterstellen, dass sie der Weiterentwicklung hin zu einer besseren Gesellschaft negativ gegenüber stehen, aber ihr Pakt mit Mephisto in Form des zügellosen Strebens nach neuen Entdeckungen (im Unternehmen Google werden solche Entdeckungen „Moonshots“ genannt) verbunden mit kapitalistischem Profitstreben führt nicht zu einem Gemeinschaftsgefühl sondern fördert egozentrische Verhaltensweisen.

Der koreanische Philosoph Byung Chul-Han kritisiert zu Recht die heutige Transparenz- und Authentizitätsgesellschaft. Alles muss transparent und authentisch sein. Wir sehen uns quasi einer „Aufdeckungsindustrie“ gegenüber: Eine Woche lang erregt sich die deutsche Öffentlichkeit über die so genannten Panamapapers – und was passiert in der Konsequenz? Nichts. Es werden Informationen an die Oberfläche geschwemmt, die als Informationen stehen bleiben, ohne dass sich jemand ausführlich damit beschäftigt, denn dafür fehlt die Zeit. Prinzipiell eröffnet das Internet die Möglichkeit, sich umfassend zu informieren, die Glaubwürdigkeit von Nachrichten zu überprüfen und verschiedene Sichtweisen zu einem bestimmten Ereignis einzunehmen bzw. nachzuvollziehen. Das große Manko liegt jedoch darin, dass das Netz – so wie der Name es auch schon verrät – so gut wie nicht entwirrbar ist und man sich darin verstrickt. Die vielen Verlinkungen lassen kein geradliniges Lesen zu. Sie sind effektiv, um schnell an Informationen zu kommen, jedoch nicht, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Es erfordert einen erheblichen Rechercheaufwand, um akzeptable Wahrscheinlichkeiten für den Wahrheitsgehalt eines Ereignisses zu erzielen. Insofern ist die Arbeitserleichterung im Vergleich zur früheren analogen Literaturrecherche nicht besonders auffällig.

Rückkehr zum Analogen?

Vor allem die stark verkürzte Kommunikation via Twitter, SMS uns Whatsapp und die Wucht der (bewegten) Bilder via Facebook und Instagram führen dazu, dass auch bei gut gemeinten politischen Aktionen häufig Vermarktung und die Generierung von Aufmerksamkeit in keinem Verhältnis zur substanziellen Unterfütterung der Aktion stehen bzw. diese in vielen Fällen schlicht und einfach gar nicht existiert.

„Die Information liegt einfach vor. Das Wissen im emphatischen Sinne ist dagegen ein langsamer, langer Prozess. Er weist eine ganz andere Zeitlichkeit auf. Es reift. Das Reifen ist eine Zeitlichkeit, die uns heute immer mehr abhandenkommt. Es verträgt sich nicht mit der heutigen Zeitpolitik, die zur Steigerung der Effizienz und Produktivität die Zeit fragmentiert und zeitstabile Strukturen beseitigt.“ ( Han: Die Austreibung des Anderen, S. 10 )

Boris Groys vermisst die Möglichkeit zur Kontemplation:

„Das Nichtstun ist in der Moderne die größte Anstrengung, die man sich vorstellen kann. Wie Faust war auch Goethe selbst immer zu den größten Anstrengungen gezwungen, er musste die ganze Zeit als Bürokrat funktionieren, um ein bisschen Zeit zu haben, um Muße zu haben. […] Das schlimmste Drama unserer Zeit ist, dass die kontemplative Einstellung uns von der Gesellschaft nicht garantiert werden kann. Es gibt keine sozial abgesicherte, politisch und ökonomisch garantierte Kontemplation. Das heißt, die Kontemplation muss erarbeitet werden. Das ist der größte Widerspruch unserer Zeit. Dieser Widerspruch ist fatal. Das ist das, was den Zusammenbruch der Wissenschaft, der Philosophie, der Kunst in unsere Zeit gebracht hat“ ( Hegemann: Wie man ein Arschloch wird, S. 141-142 )

Mario Donick spricht, angelehnt an Marc Augé, von so genannten „Nicht-Orten“ (Donick: Head Canon: Medien im epikritischen Zeitalter. Essay in sechs Teilen. 4/6, S. 9.) , um zu verdeutlichen, dass es zunehmend Orte gibt, an denen man sich anonym bewegen kann und die man nur aus funktionellen Gründen aufsucht und immer weniger aus Gründen des Müßigganges oder einer persönlichen Bindung zu dem Ort. So wie die ständig pulsierende, sich ändernde und dynamische digitale Welt, in der die User anonym umherschweifen und sich anonym ohne jede Verbindlichkeit äußern können, so überträgt der moderne Arbeitsnomade sein Verhalten auch auf die analoge Welt, das Donick als Rückbesinnung auf das „dynamische Lokale“ (Donick: Head Canon: Medien im epikritischen Zeitalter. Essay in sechs Teilen. 4/6, S. 2 ff.) beschreibt. Wir vermeiden das Persönliche, das Eigentliche und das Statische, das uns Schutz, Sicherheit und einen festen Anker bieten könnte. Die Menschen werden zu dieser analogen Welt zumindest in einem gewissen Maß zurückkehren müssen, um die Realität erster Ordnung noch wahrnehmen zu können, die sich nicht wie die digitale Welt innerhalb eines Ja/Nein – bzw. Positiv/Negativ-Spektrums bewegt, sondern eine natürlich Kontingenz und unvorhersehbare Entwicklungen zulässt, die für das Zusammenleben von Menschen von entscheidender Bedeutung sind.

Dieser Essay wurde erstmals am 1. Februar 2018 im „Freitag“ in der Rubrik Community veröffentlicht: „Eine Welt ohne Puls, Verbindlichkeit und Tiefe…tatsächlich.“