Raunächte — digitale Ruhe und Besinnlichkeit zwischen den Jahren

In diesem Blogbeitrag geht es um die Raunächte, ihre Bedeutung, wie wir sie gut für uns nutzen können, um das alte Jahr dankend gehen zu lassen und das neue Jahr zielorientiert willkommen zu heißen. Ganz im Sinne der Über-Strom-Reihe nutze ich Beispiele aus unserem digitalen Alltag, um Rück- und Vorschau einzuleiten. Ganz im Sinne von Tabula Rasa 2.0 frage ich, um ungesunde Glaubenssätze und Verhaltensweisen erkennbar zu machen und die Absicht der Integration neuer gesunder Verhaltens- und Denkweisen zu ermöglichen und zu stärken.

Raunächte — Tage außerhalb der Zeit

Die Raunächte, auch Rauhnächte, gehen vermutlich auf den germanischen Mondkalender zurück. Dieser hatte ein Jahr mit zwölf Mondmonaten und demnach 354 Tagen. Die zum heutigen Sonnenkalender mit 365 Tagen fehlenden elf Tage – bzw. zwölf Nächte – sind, aus Sicht des Mondkalenders, mit dem Wissen um den Sonnenkalender, Tage außerhalb der Zeit. (1)

Diese Tage außerhalb der Zeit sind für viele von uns arbeitsfreie Tage. Durch die vorbereitenden Adventsonntage, das Raunächte einleitende Weihnachten bei Kerzenlicht, Liedern, im Kreise der Familie kommen wir zur Ruhe und erleben zwischen den Jahren eine besinnliche und entschleunigte Zeit. Sie wirkt durch die kurzen Tage um die Wintersonnenwende mit dem 21.Dezember immer auch mystisch.

Analoge Tage außerhalb der Zeit?

Die Raunächte können dieses Jahr ganz besonders, auch eine Zeit sein in der Körper, Psyche und emotionales System einen Ausgleich zur Digitalisierung erfahren.

Ich liebe die Digitalisierung! Sie hat es mir ermöglicht meine YogaLehrAusbildung trotz Lockdown zu Hause zu beenden. Sie ermöglicht es mir in Kontakt zu bleiben und z.B. zu Weihnachten auch meine Schwester sehen zu können, die nicht ‚anfassbar präsent‘ bei uns sein wird. Die Digitalisierung ermöglicht es mir meine Yoga-Kurse auch weiterhin anzubieten und so viele Menschen bei ihrer Entspannung und Stressbewältigung in dieser irren Zeit zu unterstützen und ich kann sogar Formate wie die Raunächte-Meditations-Challenge anbieten, für die es vor Corona und den damit verbundenen Lockdowns keine Zielgruppe und/oder keine Bereitschaft und Vorstellungskraft gegeben hätte: Ab dem 21.Dezember werde ich nun jeden Morgen um 7 Uhr (vielleicht 6:50 Uhr) aus dem Bett kullern, den Rechner hochfahren und um 7:15 Uhr mit Gleichgesinnten meditativ die Raunächte begehen. Ebenso um 20:45 Uhr, damit ich gegen 21:30 Uhr tief verbunden mit mir selbst und absolut präsent wieder ins Bett kullern kann, um dort in der Meditation, die sich Schlaf nennt, zu regenerieren und aufzutanken. Ich wünsche mir von mir selbst, dass sich dieses Meditations-Ritual durch die Raunächte so festigt, dass ich es beibehalte, weil es mir gut tut, weil es gesund ist und ich gesund sein möchte.

Raunächte- digitale Ruhe und Besinnlichkeit zwischen den Jahren

Die Meditation, wenn hier auch digital übertragen, um im Lockdown gemeinsam zu sein, ist ein wundervolles Pendant zur Digitalisierung, weil wir uns in der Meditation von äußeren Reizen zurückziehen. Das Digitale, viele werden es spätestens in der Intensität des Home Office und der Lockdowns bemerkt haben, ist körperlich und kognitiv anstrengend:

Die Impulse der hellen Bildschirme strengen die Augen im Übermaß an, bei schlechter Verbindung der Telco muss das Gehirn sich aus abgehackten Tönen den Kontext zusammenschustern, viele Formate wollen unsere Aufmerksamkeit und einige versuchen sie über angstauslösende Titel und Artikel zu bekommen. Gleichzeitig haben wir, ob der Fülle der digitalen Angebote, Belehrungen und Informationen keine Zeit uns tief und ernsthaft mit deren Wahrheitsgehalt auseinanderzusetzen, um unsere individuelle Wirklichkeit in der aktuellen Situation überhaupt noch einschätzen zu können.

Dazu fehlt vielen Bewegung, vielen fehlen die eingefahrenen, Sicherheit-gebenden Routinen des Berufsalltag, die Gespräche auf dem Flur, das Käffchen. Zudem können digitale Formate uns nur sehr begrenzt emotional berühren, wie es ein Lächeln oder auch Nicht-Lächeln der Chefin in ‚Präsenz-Präsenz‘ könnte, so dass einigen Menschen sicher große Mengen Oxytocin fehlen und so ein Gefühl von Einsamkeit entstehen kann.

In der Summe kann der Körper am Ende dieses Corona-Jahres nicht-ausgelastet und rastlos sein, bei gleichzeitigen Gefühlen von Schwäche und/oder dem Gefühl nicht belastbar zu sein, schlecht in den Schlaf zu finden oder nicht durchschlafen zu können, eine stärkere Brille zu brauchen, Verspannungen in Hüfte, Schultern, Nacken und Gesicht, Kopfschmerzen bis hin zu Migräne und diffusen Ängsten, ob der Unsicherheiten und möglichen Veränderungen der eigenen Gesundheit und der eigenen Lebensumstände.

Raunächte — Rück- und Innenschau

Mit dem Wissen, dass die Tage wieder länger werden und das neue Jahr vor der Tür steht, regt sich Hoffnung in uns. Alle Jahre wieder, wünschen sich viele, dass das nächste Jahr besser wird als das vorangegangene, häufig ohne genau zu schauen, was alles erreicht wurde, ohne Dankbarkeit und Wertschätzung für das Erreichte und die Rückschau auf die Herausforderungen, die das Leben für uns bereit gehalten hat.

Diese Dankbarkeit und Wertschätzung allerdings sind es, die uns aus unserem tiefsten Innern heraus glücklich, zufrieden, entspannt und gesund sein lassen, die uns helfen, die Herausforderungen unseres Lebens anzunehmen, ohne dauerhaft den Ist-Zustand bekämpfen zu wollen, weil er noch nicht und niemals einen dauerhaften Zustand von Euphorie, Sicherheit und Fülle in uns auslöst.

Die Einflüsse von Sonne und Mond führen eine tiefe Empfindsamkeit herbei, die sich nutzen lässt, um

  • im Innen aufzuräumen,
  • Altes, das nicht mehr gebraucht wird, das nicht mehr nährt, dankbar und wertschätzend gehen zu lassen,
  • zu regenerieren,
  • die eigenen Wünsche und Bedürfnisse abzufragen,
  • neue Ziele zu visualisieren und
  • sich fest mit den eigenen kurzfristigen, mittelfristigen und langfristigen Zielen zu verbinden,
  • Schritte zur Wunscherfüllung zu reflektieren,
  • sich zu fokussieren und
  • zu erden.

In Bezug auf den stark digitalisierten, bewegungs- und kontaktarmen Home Office-(Lockdown)-Alltag lässt es sich fragen:

  • Welche digitalen Medien und Werkzeuge nutze ich stündlich, täglich, wöchentlich? Wie viele Stunden bin ich auf diese Weise täglich online? Möchte ich das so?
  • Welche Regenerationsmöglichkeiten möchte ich meinem Körper, meiner Psyche, meinem emotionalem System vor / nach einen digitalen Tag geben? Ist das smart, d.h. ist das Ziel
    • simpel genug, um es auch anzugehen?
    • messbar? (spätestens hier fällt das Ziel, dauerhaft glücklich sein zu wollen raus)
    • für mich attraktiv? Hab ich da Bock drauf?
    • realistisch? (hier können wir auch nochmal über das Glück nachdenken…)
    • Ist der Startpunkt terminiert? Ein Zeitraum? (hier können wir auch nochmal über das Glück nachdenken…)
  • Wovon habe ich gerade zu viel in meinem Leben? Wo von zu wenig? Wie kann ich das ändern?

Raunächte — Tabula Rasa 2.0 pur

Wie in einem Karriere- und Persönlichkeitsentwicklungsprozess in einem Workshop oder Coaching fragen uns die Raunächte nach unseren Bedürfnissen, persönlichen Motiven, Zielen und Werthaltungen. Unsere Wünsche und Bedürfnisse sind natürlich und menschlich (siehe auch Artikel zur Maslowschen Bedürfnisse-Pyramide in Corona-Zeiten). Nicht immer ist allerdings die Art und Weise, wie wir uns unsere Wünsche erfüllen und Bedürfnisse befriedigen wollen, sinnvoll und zielführend. So kann ich mir und anderen zum neuen Jahr Gesundheit und Glück wünschen (lassen); daran zu glauben, dass ich durch das Aussprechen dieser Sätze allein dauerhaft gesund und glücklich bin, ist allerdings ziemlich esoterisch.

Um z.B. dauerhaft gesund zu sein, muss ich/musst Du Verantwortung für deine Gesundheit übernehmen.

Es braucht die Rückschau:

  • Was hab ich alles schon probiert?
  • Was hat gut funktioniert?
  • Was hat nicht so gut funktioniert?
  • Warum hat es nicht gut funktioniert?
  • Warum hat das, was gut funktioniert hat, gut funktioniert? …

Es braucht die Innenschau:

  • Wie zufrieden bin ich mit dem IST-Zustand?
  • Wofür bin ich dankbar?
  • Was brauche ich und warum?
  • Wie kann ich bekommen, was ich brauche?
  • Ist das wirklich wahr?
  • Was hindert mich daran, mein Ziel zu erreichen?

Und es braucht den Blick in die Zukunft:

  • Wie fühlt es sich an, wenn ich mein Ziel erreicht habe?
  • Wer teilt meine Werte, Bedürfnisse und/oder Ziele und wie können wir uns gegenseitig unterstützen ?
  • Wie sieht mein Plan aus? Was sind meine ersten Schritte hin zur Zielverwirklichung?
  • Was/wer/wo sind meine Reminder?

12 Tage und Nächte für diese und weitere Fragen lassen uns uns tief bei uns selbst ankommen und den ein oder anderen Wunsch, das ein oder andere Gefühl, als kontra-produktiv entlarven und im alten Jahr lassen. 12 Tage und Nächte in Verbindung, in Achtsamkeit und Wertschätzung mit uns selbst, ermöglichen es uns Achtsamkeit, Wertschätzung und Dankbarkeit zu üben und als Routine, als neue gesunde Verhaltensweise mit ins neue Jahr zu nehmen und in den Alltag zu integrieren.

Und wenn Dich im neuen Jahr das Hamsterrad nach einiger Zeit doch wieder einholt, dann hast Du mit dem Fasten zu Ostern und spätestens mit den Raunächten in 2021  wieder die Gelegenheit, rauszupurzeln.

Tipp: Um in Verbindung mit Dir selbst und Deinen Zielen, Wünschen und Bedürfnissen zu bleiben, bietet sich eine regelmäßige Yogapraxis an. Der Yoga ist vor 1000nden Jahren dafür entwickelt worden, dass wir unseren wahren Wesenskern entdecken können. Er bietet daher immer wieder die Innenschau an, verbindet Dich wärmend und umarmend mit Dir und schafft einen sanft-bewegenden, ent-spannenden Ausgleich zum wahnsinnig coolen und an-spannenden digitalen Zeitalter!

Herzlichst frohe Weihnachten, besinnliche Raunächte und ein zufriedenes neues Jahr,

wünscht Dir

Kathrin

Laptop, Internet und Yogalehr-Ausbildung gehen jetzt auch zusammen Teil 2/3

Eine der letzten analogen Hochburgen, die Yogalehr-Ausbildung ist nun auch digital. Ich durfte dabei sein! Dies ist Teil 2 von 3 meines Erfahrungsberichtes, aus dem sich Wertvolles und Hilfreiches für den Alltag im digitalen Zeitalter ableiten lässt.

Letzte Woche berichtete ich von der Geschichte der Yogalehrtradition und vom Intensiv-Programm des analogen Formates im Ashram und fragte:

Wie soll solch ein Intensiv-Programm nun online gehen?

Es geht super! Ich habe das Glück beide Formate vergleichen zu können. Da ich meine vier Intensiv-Wochen gesplittet habe. Ich habe 2 mal eine Woche im Ashram (klosterähnliches Meditationszentrum1 /Ort, an dem Yoga und andere spirituelle Praktiken praktiziert und gelehrt werden2) verbracht und dann kam Corona, so dass ich die letzten beiden Wochen am Stück online absolviert habe.

Die Online-Tage waren nicht ganz so lang. Sie gingen ‚nur‘ von 7 -21 Uhr, dafür waren die Pausen kürzer und es war nebenbei eine Hausarbeit zu schreiben.

Für mich sind beide Erfahrungen, Präsenz im Ashram und Online zu Hause, wundervolle Erfahrungen für die ich sehr dankbar bin und die ich nicht missen möchte.

Das Leben im Ashram ist wunderbar gesund, ruhig und entschleunigt. Man praktiziert dort sehr viel Yoga und Meditation, ist in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und hat so wenig Möglichkeit über den Alltag nachzudenken. Man kommt dort wirklich gut zur Ruhe und kann regenerieren. Auch wenn das Programm straff ist, merkt man wie die Arbeit mit Körper und Geist, die natürliche Umgebung und das gesunde Essen im Intervall einem sehr viel neue Energie geben.

Die große Herausforderung besteht dann darin, wenn man heimkommt, wenigstens einen Teil dieser sehr gesunden Verhaltensweisen und Einstellungen dauerhaft in den eigenen Alltag zu integrieren.

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Über die Notwendigkeit als Erwachsene überhaupt erst anfangen zu müssen, gesunde Verhaltensweisen und Einstellungen in den Alltag einzubauen, denke ich, gespeist aus und gespickt mit meinen Expertisen und Erfahrungen seit Jahren intensiv nach.

Mal wütend darüber, dass man uns einen gesunden Umgang mit unserem Körper, unseren Gedanken und unseren Gefühlen nicht beigebracht hat, mal besorgt, mit der Frage, was das für die Gesellschaft und das Glück jeder/jedes Einzelnen in unserer Gesellschaft bedeutet, mal handlungsorientiert mit Werkzeugen zur nachhaltig-gesunden Lebensführung.

Viele dieser Gedanken finden sich dann Anfang nächsten Jahren auch in meinem Buch über Stress in der Überstrom-Reihe für den Springer-Verlag.

Integration von Gelerntem in den Alltag

Es fällt mir seit der Ausbildung wesentlich leichter, den Tag mit Meditieren zu beginnen. Gerade morgens bin ich normalerweise voller Tatendrang und Gedanken und möchte eigentlich sofort losarbeiten, was mir die Meditation bisher immer zur Challenge gemacht hat und ich es letztlich ließ. Eine ruhige, fokussierte Morgenroutine ist aber sehr wichtig um nicht mittags schon im Stresslevel zu versinken und keine Sonne oder kein Land mehr zu sehen.

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Auch das Intervall-Fasten habe ich beibehalten. Durch die lange Pause, das Intervall von 16 Stunden zwischen der abendlichen und der vormittäglichen Mahlzeit (19 bis 11 Uhr) hat mein Körper mehr Zeit das Gegessene zu verdauen, das heißt zu verstoffwechseln, das heißt die Nährstoffe und Energieträger aus der Nahrung abzubauen, Energie zu generieren und neue, körpereigene Stoffe aufzubauen.

Die Pause dient auch dazu, dass der Körper nicht andauernd mit Verdauen beschäftigt, sozusagen friedlicher, ist. Der Körper hat so weniger Aufgaben zu erledigen und dadurch Zeit zum Entgiften und Reinigen, bevor die nächste Nahrungsaufnahme die Konzentration des Körpers wieder auf die Verdauung lenkt.

Anders als im Ashram, war es in der Online-Ausbildung nicht möglich, den Alltag komplett auszublenden und auch das habe ich als sehr positiv empfunden.

Ich höre die Nachbarn, ich reagiere auf E-Mails, der Postbote klingelt, das Essen besorgt sich nicht, wie im Ashram, von allein und auch die Wohnung macht sich nicht vollautomatisch selber sauber. All dies musste sich machen lassen und trotzdem war ein fokussiertes, von Alltagsstress-gelöstes Yoga und Meditieren möglich und damit einhergehend tiefe geistige und körperliche Entspannung und Regeneration in den eigenen vier Wänden.

Tabula Rasa mit alten Gewohnheiten

Meine Wohnung ist so auch ein wenig zu meinem Ashram geworden und ich gebe mir große Mühe die neuen Verhaltensweisen zu festen Routinen und letztlich spielerischen Gewohnheiten werden zu lassen.

Es heißt ja, nach 21 Tagen hat sich eine Gewohnheit gefestigt. Ich glaube, dass es länger dauern kann, eine ungesunde Gewohnheit gegen eine Gesunde zu ersetzen.

Wie lange das dauert, hängt auch davon ab, wie gefestigt die alte Gewohnheit ist, das heißt z.B. auch wie lange übe ich sie schon aus? Wie wichtig war mir diese Gewohnheit, d.h. welches Bedürfnis hat sie befriedigt? Und auch, wie unspezifisch sind die Reize mit der Zeit geworden, die das Verhalten (die ungesunde Gewohnheit) auslösen.

Von solchen Faktoren hängt die Größe des Gedächtnisses ab und deshalb u.a. auch die Zeit die es dauert, bis ein neues, gesünderes Gedächtnis groß genug ist um das ältere, ungesunde Gedächtnis im Verhalten automatisch abzulösen.

Ein kleines harmloses Beispiel ist das Kaffee trinken. Es ist eine unnötige Gewohnheit, basierend auf mehreren ungesunden Glaubenssätzen, z.B. „Ich bin müde, ich brauche erstmal einen Kaffee“, usw. Auch Generationsgedächtnissen spielen eine große Rolle: Das Kaffeetrinken (Verhalten / Gewohnheit) gehört über viele Generationen zur Morgenroutine und war ursprünglich ein Zeichen des Wohlstandes.

Es wird von den Eltern, inklusive der Glaubenssätze, völlig automatisiert an die nächste Generation weitergegeben. Der morgendliche Kaffee ist für viele so selbstverständlich, als gäbe es nur diese eine Option, diese eine Wirklichkeit, wie Watzlawick3 sagen würde.

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Obwohl die ersten Tassen Kaffee wohl kaum einem Jugendlichen wirklich schmecken, ist der Einstieg in das Kaffeetrinken, aufgrund des Kaffeeverbotes für Kinder, auch ein Einstieg in das Erwachsensein, mit der Hoffnung und dem Bedürfnis auf Augenhöhe behandelt zu werden.

Die Wirklichkeit endet ohne den Kaffee nicht. Kein Mensch braucht wirklich Kaffee um morgens wirklich wach zu werden. Wer morgens nicht wach wird, ist körperlich oder geistig erschöpft und sollte besser Körper und Geist erholen.

Kaffee ist dabei sogar kontraproduktiv, weil das Koffein, wenn es denn überhaupt noch eine Wirkung4 auf den habituierten (gewöhnten) Körper hat, unruhig macht, anstatt zu beleben und Körper und Geist so noch mehr erschöpft…

Das bringt den unruhigen erschöpften Geist nun auf die Idee noch mehr Kaffee zu trinken…, oder sogar ein Zigarettchen dazu zu rauchen, wenn das Rauchen Teil der Lebensgewohnheiten ist, oder auf dem frühen Abend vom Kaffee zum Bierchen überzugehen… …Feedbackloop zur morgendlichen Erschöpfung…

Die Macht solcher Gewohnheiten wird mir im Verzicht besonders deutlich, weshalb die Yogalehr-Ausbildung schon im Präsenzteil, im Online-Teil zu Hause dann noch einmal mit stärkerem Bezug zu den eigenen Alltags-Routinen so wertvoll und ‚erleuchtend‘ war.

Dieses war der zweite Streich. Im letzten Teil, nächste Woche, soll es um die soziale Komponente der Online-Yogalehr-Ausbildung gehen.

Stay tuned.

Eure Kathrin

Literaturverlinkungen

1 www.de.wikipedia.org/wiki/Aschram

2 www.wiki.yoga-vidya.de/Ashram

3 https://www.youtube.com/watch?v=zjrX5GhqWck, Ein Audio-Vortrag von Paul Watzlawick mit dem Titel “Wie wirklich ist die Wirklichkeit” ausgestrahlt von RadioKultur

4https://www.ted.com/talks/matt_walker_how_caffeine_and_alcohol_affect_your_sleep, Ein wunderschöner TED-Talk zu den Effekten von Kaffee und Alkohol auf unseren Schlaf.

Fasten und Verzicht vor Ostern, nach Ostern und in der Corona-Krise

Zur Bedeutung des Fastens vor Ostern

Die Fastenzeit, im christlichen Sinne der bewusste Verzicht auf feste Nahrung, ist mit Ostern zu Ende gegangen. In allen Religionen praktiziert, beginnt die wichtigste Fastenzeit im Christentum in der Nacht von Faschingsdienstag auf Aschermittwoch. Sie endet 40 Tage später am späten Nachmittag des Gründonnerstag bzw. je nach Auslegung und Zählweise am Karsamstag (40 Tage, weil Jesus, höchstwahrscheinlich nur mit Wasser, in der Wüste auf Nahrung verzichtete und betete).

Gründonnerstag ist der Tag des letzten Abendmahls, der Tag vor der Kreuzigung. Am darauf-folgenden Karfreitag stirbt Jesu am Kreuz, am Karsamstag gilt die Grabesruhe. Am Ostersonntag feiern wir die Auferstehung Jesu Christi und das eigentlich drei Tage lang: Ostersonntag, Ostermontag und -dienstag.

Die 40 Tage vor Ostern, Ostern selbst (Leiden, Sterben und Auferstehung Jesu Christis) und die mit dem Ostersonntag beginnende fünfzigtägige Freudenzeit (Osterzeit) bis einschließlich Pfingsten ist dabei in unseren Breiten die Zeit des Frühlings – eine Zeit des Neubeginns, in der alles Leben nach dem (grauem, kalten) Winter wieder erwacht (aufersteht).

Eine Freudenzeit, in der die Tage spürbar länger und lichtvoller werden; in der die Sonne wieder wärmende Kraft entwickelt und in der es uns langsam wieder mehr nach draußen treibt.

Fastenzeit – Leidenszeit?

Die Fastenzeit ist aus der christlichen Liturgie heraus häufig mit Leiden (den Leiden Christi) assoziiert. In anderen Religionen gibt es andere Sichtweisen auf und Gründe für das Fasten.

Muslime fasten einen ganzen Monat (Ramadan) von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang sowohl Nahrung als auch Getränke.

Im Judentum gibt es religiöse Fastentage, an denen Nahrung und Getränke für maximal 25 Stunden gefastet werden.

Im Buddhismus sind weder Völlerei noch Hunger empfehlenswert. Beides schadet Körper und Geist, genauso wie Alkohol, Nikotin, große Mengen und/oder täglicher Fleischkonsum und vieles mehr. Bei den buddhistischen Mönchen und Nonnen ist das Ziel einer einzigen, täglichen Mahlzeit um zwölf Uhr mittags die Beruhigung von Körper und Geist für die Meditation auf dem Weg zum inneren Frieden und der Erleuchtung.

In den hinduistischen Religionen und den Yoga-Philosophien wird unterschiedlich intensiv gefastet. Manch ein*e (spirituelle) Yogin*i fastet regelmäßig, z.B. einmal pro Woche, andere zu Vollmond, wieder andere an Ehrentagen der Gottheiten. Von strengem Nahrungsverzicht bis zu leichten Einschränkungen bei der Ernährung sind alle Abstufungen zu finden.

In Ashrams (das sind klosterähnliche spirituelle Meditationszentren) ist das Intervall-Fasten fest in den Alltag integriert. Beispielsweise wird in den deutschen Yoga Vidya-Ashrams der Swami Sivananda-Tradition nur zwei Mal am Tag gegessen: vormittags um 11 Uhr und abends um 18 Uhr, rein biologisch, mit möglichst regionalen Zutaten, vegetarisch und z.T. vegan.

Schon der Verzicht auf liebgewonnene Gewohnheiten wie tierische Produkte, Kaffee und Süßigkeiten bedeutet für viele Menschen ein Fasten, sofern der Verzicht bewusst und freiwillig geschieht.

Dazu kommt die lange Pause, das Intervall von 16 Stunden zwischen der abendlichen und der vormittäglichen Mahlzeit (19 bis 11 Uhr). Die Pause dient dazu, dass der Körper nicht andauernd mit dem Verdauen beschäftigt, sozusagen friedlicher, ist. Der Körper hat so weniger Aufgaben zu erledigen und dadurch Zeit zum Entgiften und Reinigen, bevor die nächste Nahrungsaufnahme die Konzentration des Körpers wieder auf die Verdauung lenkt.

Wenn die Ziele des Fastens nun nicht das Leiden und der Verzicht selbst sein müssen, sondern eine Entlastung, Entgiftung und Reinigung von Körper und Geist zum eigenen Wohlergehen, dann lässt sich, aus meiner Sicht, vieles fasten, und jederzeit!

Vor allem und zuerst die Dinge, die uns eh nicht gut tun: Im digitalen Zeitalter sind das z.B. Stress, Selbstoptimierung, viel sitzen, viel quatschen, viel Fernsehen, viele digitale Medien, viele Computerspiele, viel Alkohol, viel Zucker, viel Plastik, viel Lärm, viel künstliches Licht, viel Salz, viel Weizen, viel materieller Besitz…

Der Verzicht aus Liebe zu sich Selbst

Das tolle am Fasten, am bewussten, freiwilligen Verzicht, ist, dass man die Gelegenheit bekommt, sich sehr genau zu beobachten und zu hinterfragen.

So muss man sich vor dem Fasten überlegt haben, was man den mit dem Fasten erreichen möchte. Dabei dürfen Fragen aufkommen wie: „Was tut mir gut?“, „Was tut mir nicht gut?“, „Wovon habe ich zu wenig in meinem Leben?“, „Wovon habe ich zu viel in meinem Leben?“.

Anschließend stellt sich die Frage, wie und wie lange möchte ich fasten, wann möchte ich damit anfangen und was möchte ich tun, wenn ich mein Fasten breche oder brechen muss?

Spätestens wenn das Fasten dann beginnt, lohnt es sich ein Fasten-Tagebuch zu schreiben, um die Beobachtungen und die Reflexionen zu verschriftlichen. Es ist etwas anderes, Gedanken und Gefühle, Empfindungen (des Körpers) und Bedürfnisse niederzuschreiben, als sie nur mal kurz zu denken. Dann sind sie im nächsten Moment wieder weg bzw. kommen unkontrolliert immer wieder und belasten so den Geist, ohne Lösungen zu generieren.

Wenn sie niedergeschrieben sind, sind sie fester, manifest, können besser hinterfragt und losgelassen werden. Das Aufschreiben funktioniert ähnlich wie das Denkarium aus Harry Potter, in dem Professor Dumbledore mit seinem Zauberstab seine Gedanken & Erinnerungen aus dem Kopf herausziehen und außerhalb abspeichern konnte. Unser Zauberstab dafür ist der Stift zum Schreiben.

Beim Fasten geht es zwar auch um Selbstdisziplin, aber nicht in der Weise, in der wir es in der westlichen Welt gewohnt sind. Wir fasten ja bewusst und freiwillig, um uns etwas Gutes zu tun, um gesund und glücklich zu sein.

Das darf auch unser Antrieb sein: „Ich verzichte heute (bzw. einmal pro Woche) auf Salz, weil der Verzicht meinem Körper gut tut und ich gesund sein möchte“. Gesprochene oder gedachte Worte wie „Sollen“, „Müssen“, „Nicht dürfen“ sind dabei kontraproduktiv. Sie verstärken eine negative Perspektive des Verzichts, lösen Stress in uns aus und erschweren oder behindern so das Fasten ungemein.

Auch wenn ich im Fasten merke, dass ich auf das, was ich gerade fasten möchte, nicht verzichten kann, und es mir mit dem Verzicht nicht gut geht, dann ist es möglicherweise wichtig für meinen Körper und es liegt vielleicht eine organische Ursache vor, die es abzuklären gilt.

Seinen Körper und Geist unter diesen Umständen mit „Sollen“, „Müssen“, „Nicht dürfen“ unter Druck zu setzen, kann dann gesundheitsschädigend sein. Das Schwierige ist, das eine (die Gewohnheit) vom anderen (das körperliche Bedürfnis) zu unterscheiden. Das Fasten ist ein Weg, nicht das Ziel. Das Ziel ist Erkenntnis.

Das Fasten, also der bewusste, freiwillige Verzicht auf Dinge, die uns nicht gut tun, kann durch das Selbstliebe-Prinzip hervorragend geübt werden.

Wir kommen unseren Konditionierungen auf die Spur, wir lernen unseren Körper und Geist und auch die Abwehrmechanismen unseres Geistes kennen und können uns langsam in Enthaltsamkeit und Abstinenz üben, wenn wir das wollen. Die eigenen Abwehrmechanismen kennenzulernen, herzlichst anzunehmen und zu lösen, hilft dann auch, langfristig schwierige Projekte wie Ängste und Sucht in den Blick zu nehmen.

Verzicht in der Corona-Krise

Auch in der Corona-Krisenzeit müssen wir auf vieles verzichten und auch das kann, wenn wir die Situation aus der entsprechenden Perspektive betrachten, ein Fasten sein. Für die meisten Menschen ist es das jedoch nicht, weil der Verzicht nicht freiwillig ist.

Der Virus zwingt uns z.B. die Kontaktsperre auf. Viele leiden unter dem Verzicht auf bestimmte Gewohnheiten, aber auch wichtige Bedürfnisse werden nicht oder nur unzureichend befriedigt.

Das natürliche, menschliche Bedürfnis nach Nähe und persönlichem Kontakt steht dabei, denke ich, auf Platz 1. Für mich kommt die regelmäßige körperliche Betätigung, das Bewegen und Durchbluten meiner Muskulatur, das gesunde und gewohnte Kalorien- und Energieverbrennen gleich danach.

Dass dieser Verzicht nicht freiwillig ist, drückt auch auf unser Autonomie-Bedürfnis und verstärkt momentan spürbar den Widerstand in manchen Menschen. Die Maßnahmen werden z.T. kritisch hinterfragt und diskutiert, z.T. wird der Blick für den Grund der Einschränkungen und das Vertrauen in die zuständigen Systeme verloren und lautstark durch die digitalen Medien geschrien. Wie immer, ein breites Portfolio an Verhaltens- und Ausdrucksmöglichkeiten.

Ich mache den Perspektivwechsel, ich faste weiter. Ich beobachte und reflektiere, was das Sozial- und Bewegungsfasten mit mir macht.

Ich lebe und feiere die Traurigkeit und Unausgeglichenheit, die dieses spezielle Fasten an einigen Tagen mit sich bringt und heile sie in Yoga und Meditation, mit tollen ätherischen Ölen und mit, was immer ich meine, was mir in diesen Momenten gut tut.

Da sind sie wieder, diese wichtigen Fragen: „Was tut mir gut?“, „Was tut mir nicht gut?“, „Wovon habe ich gerade zu wenig in meinem Leben?“, „Wovon habe ich zu viel in meinem Leben?“.

Ich spiele in Gesellschaft online Gitarre und schnattere was das Zeug hält, spiele lustige Ratespiele, schreibe und schaue Fernsehen.

Letzteres ist ein Kompensations- und Verdrängungsmechanismus aus vergangenen Tagen, der mich kurzfristig abschalten und zur Ruhe kommen lässt, der mir durch vermeintliche Normalität Stabilität gibt, weil ich das ja seit vielen, vielen Jahren so gewohnt bin.

Ich spüre aber auch immer wieder, dass das Fernsehen eigentlich nur unnötig Kraft und neuronale Energie kostet und mich letztlich eher frustriert als nährt.

Ich könnte dem Sozial- und dem Bewegungsfasten jetzt noch TV-Fasten hinzufügen. Mach‘ ich aber nicht! Denn diese Zeit ist ereignisreich, anstrengend und lehrreich genug und, wie gesagt, Fasten muss nicht zum Leiden werden, sondern darf auch ein Akt der Selbstliebe und Selbsterkundung sein!