7 aus dem Strom, 01.09.20

Es wird mal wieder Zeit für eine kleine Sammlung lesenswerter Artikel. Diesmal über rassistische Computersysteme, deren Dekolonialisierung, nochmal Neuralink, Teslas Fabrik in Brandenburg, den Symbolgehalt des Berliner Reichstagsgebäudes und dessen sogenannter „Erstürmung“ durch Corona-Maßnahmen-Gegner*innen, sowie ein Interview mit einer Physikerin über Gravitation.

„Dekolonialisierung von Algorithmen“: Bei taz.de schreibt Adrian Lobe über strukturellen Rassismus in Algorithmen und KI-Systemen. Lobe weist darauf hin, dass Versuche, KI weniger anfällig für rassistische Einstufungen zu machen, eher sekundär ist angesichts des Problems, dass die Klassifizierung, Metrisierung und technische Einbindung des Menschen selbst bereits im Kern rassistischen Ursprungs ist — Lobe zieht eine Linie von den Fingerabdrücken, die im 19. Jahrhundert die indische Kolonialverwaltung an Soldaten nahm, zur Entsperrung des Handys mit dem eigenen Fingerabdruck: „Biometrische Verfahren kolonisieren den Körper und machen das Datensubjekt untertan“, so Lobe.


Ein wichtiger Text, auf den sich Lobe offenbar bezieht, stammt vom südafrikanischen KI-Forscher und DeepMind-Mitarbeiter Shakir Mohamed, erschien bereits 2018. Er ist Essay und optimistischer Aufruf zugleich und endet mit ganz praktischen Schritten, die man als Forderung nach Transparenz und Offenheit zusammenfassen könnte: „We can continue to strengthen open-source software, open-data, and open-access science— publishing more, not less; we can further support accessible machine learning frameworks, and accessible scientific communication; and we can continue to find solutions to the challenges of fairness, privacy, safety, verification, and governance.“ Und als Aufforderung zur Selbstreflexion: „And we can go further, by always challenging our settled assumptions and world-views as we expand the frontiers of our knowledge.“


Als „Neuroscience Theater“ kritisiert Antonio Regalado in Technology Review das kürzliche Update zu Elons Musks Neuralink-Projekt. Regalado weist auf das Science-Fiction-artige Design des für die Implantation der Chips genutzten Roboters hin und ist skeptisch, inwieweit die medizinischen Ziele Neuralinks wirklich eine Rolle spielen. Musk sei in seiner Präsentation immer wieder abgeschweift zu seiner Idee eines „general population device„, mit dem sich Menschen mit Computern verbinden, um mit KI-Systemen Schritt halten zu können.


Elon Musk ist auch Thema in der FAZ, wo Simon Strauß den Unternehmer als Prophet bezeichnet, auf dessen Ankunft in dieser Woche „ganz Brandenburg“ warten würde – „Ein Raumschiff landet in Brandenburg“. Insbesondere folgender Beobachtung Strauß‘ kann ich zustimmen: „Es geht dem neunundvierzigjȁhrigen Musk immer auch um das Streben nach dem Unerreichbaren. Ein futuristischer Übermut treibt diese Firma“ Und dieser Übermut trifft nun auf die brandenburgische Provinz, ein Widerspruch, den Strauß ausführlich ausarbeitet. Ich persönlich muss allerdings auch an Rainald Grebe denken (… ja, das ist schon alt, ich weiß), der damals sang: „In Brandenburg, in Brandenburg, ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt! Was soll man auch machen mit 17, 18 in BRANDENBURG?“ Vielleicht in Zukunft mit Teslas … in den Baum …? Aber nein. Diese Autos wird sich angesichts des dortigen niedrigen Lohnniveaus wohl nur eine Minderheit leisten können oder wollen.


„Einschüchternd offen“ betitelt Gerhard Matzig seinen Artikel in der Süddeutschen Zeitung über das Berliner Reichstagsgebäude, dessen Kuppel schon immer Anlass zu Kritik gab — weil Kuppelbauten Macht ausdrückten. Der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II. lehnte die Reichstagskuppel ab, weil ihm das dadurch ausgedrückte Machtbewusstsein des Parlaments missfiel. Als es nach der Wende zum Umbau des Reichtstagsgebäudes kam, war eine Kuppel erst nicht vorgesehen, wurde aber von der Politik gefordert und in der Presse kritisiert. Am Ende ist dies für Matzig jedoch nicht entscheidend. Matzig urteilt: „in einem föderalen System, das auch die durchgeknalltesten Formen der Meinungsfreiheit verträgt, wird die Demokratie nicht an zentralen Plätzen und in staatstragenden Herz-Bauten verteidigt, sondern im Alltag. Die Symbolkraft politischer Architektur ist in Wahrheit so überschaubar wie das sinnlose Wüten dagegen.“ Leider, möchte ich ergänzen, ist es den Demonstrant*innen mit ihrer Aktion gelungen, große Aufmerksamkeit zu erzeugen.


Auch bei der ZEIT geht es daher um das Reichstagsgebäude. Unter dem Titel „Sie brauchten nur dieses eine Foto“ analysiert Dirk Peitz „die Macht der Bilder“, die am Samstag entstanden, als „Querdenken“-Demonstrant*innen auf die Treppe des Reichstagsgebäudes „stürmten“ und dort ein zugleich skurriles wie Besorgnis erregendes Bild boten mit ihren USA-, Russland- und Deutsches-Reich-Flaggen. Peitz fragt sich (übrigens wie ich mich auch), warum eigentlich nicht das Bundeskanzleramt als Symbol der Regierung Ziel war, sondern das Parlament. Der Autor vermutet, diese Demo-Teilnehmer*innen „wollen ‚das Volk‘ sein und ‚das Volk‘ wird vertreten im Parlament. Die vermeintlichen Reichstagserstürmer vom Samstag wollten offenbar als selbsternannte Volksvertreter verstanden werden und sich als solche ins Bild rücken, nicht so sehr als Opponenten gegen die auf Zeit gewählte Inhaberin der ‚Macht‘, die sie ja ohnehin als nicht legitimiert verstehen und also nicht akzeptieren.“


Zum Schluss etwas Grundsätzliches: Im Quanta Magazine war kürzlich ein Interview mit der Physikerin Claudia de Rham, die sich intensiv mit der Gravitation und Einsteins Relativitätstheorie auseinandersetzt. Ein schönes Interview, in dem sowohl die Faszination für theoretische Physik deutlich wird, als auch, wie Forschung in dem Bereich funktioniert.

(Titelbild: cocoparisienne / pixabay.com)

Lesetipp: Susan Arndt über die Geschichte des Rassismus

Bei der taz ist ein längerer, lesenswerter Essay der Literaturwissenschaftlerin Susan Arndt über die Geschichte des Rassismus erschienen: https://taz.de/Geschichte-des-Rassismus/!5694138/ Von der Antike über das Mittelalter und die Renaissance bis heute wurden immer wieder Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe entmenschlicht und herabgesetzt, um Versklavung und Eroberung zu rechtfertigen. Das ist eine mehrere tausend Jahre lange Wirkungsgeschichte. Hoffentlich dauert es nicht so lange, bis das endlich aufhört.

Hanau verstehen: Zeit, taz und FAZ

Drei Artikel von drei Zeitungen, die versuchen, das Geschehen von Hanau gesellschaftlich und politisch einzuordnen und zu verstehen:

  • Bei ZEIT online bringt Georg Seeßlen in seinem Artikel „Das Making-of eines Rechtsterroristen“ mögliche psychische Störungen des konkreten Täters in Verbindung mit einer womöglich ebenso gestörten Gesellschaft und rechtsextremen politischen Einflüssen, die er metaphorisch als Droge bezeichnet. Das Vorgehen Seeßlens (Freud, Psychose, Drogenmetapher) finde ich ein bisschen zu schwammig und küchentischpsychologisch, aber Seeßlens „Hanauer Dreieck“ (wie er es selbst nennt) bringt die Problematik trotzdem gut auf den Punkt.
  • Bei der taz erinnert der Wiener Journalist und Autor Robert Misik in seinem Artikel „Mörder, die sich nur wehren“ daran, dass schon AfD-Politiker Björn Höcke einst von einer „wohltemperierten Grausamkeit“ schrieb, die angeblich nötig wäre, wenn die Rechten erst an der Macht wären, und dass selten die politischen Vordenker die konkreten Täter sind, aber sie das Klima schaffen, in denen sich Täter als Opfer sehen, die glauben, sie würden gegen ein Unrecht vorgehen.
  • In einem verwandten Zusammenhang bezeichnet FAZ-Herausgeber Berthold Kohler (der nicht gerade als links bekannt ist) die AfD-Reaktionen auf die Tat als „Gipfel des Zynismus“ und betont, dass niemand mehr verleugnen kann, dass bei der AfD „Aufwiegelung zum Geschäftsmodell“ geworden ist. Kohler schreibt: „Die AfD wird weiter behaupten, sie habe nichts mit Verrohung und Radikalisierung zu tun. Und Wähler können sich sagen, sie stimmten für die AfD nicht wegen Höcke, sondern wegen Merkel. Doch weder Täuschung noch Selbsttäuschung ändern etwas an den Folgen: Wer AfD wählt, stärkt radikalen, völkischen Wahn in den Parlamenten und auf den Straßen. Er sollte auch nicht überrascht sein, wenn leicht verführbare Menschen – nützliche Idioten in einem neuen Sinn – das exekutieren, was Volksverhetzer wie Höcke mehr oder minder deutlich vordenken.“

Und die „Gegenseite“? Ich lese keine dezidiert rechtsextremen Zeitungen, das tue ich mir nicht an, aber zumindest auf die Website der — in deutschen rechten Kreisen mittlerweile recht beliebten — Neue Zürcher Zeitung (NZZ) kann man ja mal gucken; politische Artikel in der NZZ reichen oft schon für einen Einblick in die sehr rechte Sicht auf die Welt. Und da wird auch schon meine — zugegeben negative — Erwartungshaltung erfüllt, denn die NZZ bringt einen Kommentar ihres Deutschland-Korrespondenten Hansjörg Müller, der Verbindungen der Hanau-Tat mit dem politischen Klima, zu dem die AfD beiträgt, nicht nachvollziehen kann. Müller schreibt: „Dass sich rechtsextreme Straftäter von der AfD ermutigt fühlen, ist möglich. Nur gibt es im konkreten Fall keinen Hinweis, der dafür spricht. Soweit bekannt, hat sich der Täter auf keinen Politiker berufen.“ Aha. So einfach ist das also. Dass in der Gesellschaft eine immer dichtere Atmosphäre von Hass und Gewalt entsteht und dass dies von einer Normalisierung von Ausgrenzung und Rassismus begleitet wird, die unter anderem von der AfD politisch vorangetrieben wird, spielt also keine Rolle? Insbesondere diesem Autoren seien die drei anderen Artikel sehr ans Herz gelegt.

 

Auf den Punkt gebracht: Mely Kiyak über den Zustand einer Gesellschaft, in der Minderheiten nicht sicher sind.

Lesen. Teilen. Immer wieder daran denken: https://www.zeit.de/kultur/2020-02/minderheiten-parteien-afd-fdp-cdu-demokratie/komplettansicht