Ultraleicht auf dem Mars: Am ersten Flug von Ingenuity ist vor allem die Konstruktion des Medienereignisses bedeutsam

Gestern flog das erste Mal ein propellergetriebenes Fluggerät auf einem anderen Planeten. Über dem Jezero-Krater auf dem Mars stieg der einer kleinen Drohne ähnliche Helikopter Ingenuity ca. drei Meter in die Höhe. Da blieb er ca. 30 Sekunden, vollführte eine Drehung und landete dann wieder. Eine offenbar perfekte Demonstration technischer Planung und robuster Konstruktion — aber auch ein Beispiel dafür, wie durch einfache Mittel, nämlich Sprache, Definitionen und Requisiten, ein Medienereignis erzeugt wird.

Der Mars-Rover Perseverance hat den Erstflug von Ingenuity gefilmt:

NASA-Video des ersten propellergestützten Fluges auf dem Mars

Das Fluggerät selbst hat mit einer Kamera seinen eigenen Schatten fotografiert, wenn auch zunächst nur in Schwarz-Weiß:

Schatten von Ingenuity auf dem Mars (Bild: Wikipedia)

Außer der Kamera hat die Drohne keine wissenschaftlichen Instrumente an Bord und dürfte daher für sich gesehen kaum wissenschaftlichen Mehrwert bringen — außer eben zu zeigen, dass zumindest sehr leichte Objekte auf dem Mars mit konventionellen Antrieben fliegen können, was irgendwann in der Zukunft mal für die Landschaftserkundung und ggf. den Transport leichter Frachten relevant werden könnte. Da man die Flugfähigkeit schon theoretisch sowie in Simulationen absehen konnte, kann man sicher streiten, ob die 85 Mio. US-Dollar, die Bau und Betrieb von Ingenuity kosten, gerechtfertigt sind. Die gesamte Perseverance-Mission, von der Ingenuity ein kleiner Teil ist, kostet allerdings ca. 2,7 Milliarden US-Dollar.

Ingenuity und die Konstruktion eines Medienereignisses

Wenn man mal von grundsätzlicher Raumfahrtkritik absieht (nach dem Motto „Das Geld wäre auf der Erde besser verwendet“), und abgesehen vom Respekt für die technische Leistung (dass es eben funktioniert hat, trotz der langen eisigen Reise durch das All und der großen Entfernung), ist das Experiment vor allem kulturgeschichtlich und als Medienereignis faszinierend. Nicht ohne Grund heißt der ‚Flugplatz‘ jetzt Wright Brothers Field, nach Orville und Wilbur Wright, die (zumindest nach US-Lesart) 1903 den ersten Motorflug durchführten.

Die internationale Luftfahrtbehörde ICAO (International Civil Aviation Organization) hat dem Platz das offizielle Kürzel JZRO zugewiesen — ganz wie einem echten Flughafen auf der Erde. Der mittlerweile geschlossene Flughafen Berlin-Tegel „Otto Lilienthal“ trug beispielsweise das Kürzel EDDT, während der berüchtigte Flughafen Berlin Brandenburg von Schönefeld das Kürzel EDDB geerbt hat.

In einem Tweet konnte die NASA damit den Test als echten Flug inszenieren, zwar mit einer gewissen gebotenen Selbstironie, aber sicher nicht ohne Stolz:

„Wie jeder gute Pilot haben wir den Flug ins Flugbuch eingetragen, und dank der ICAO haben wir sogar Bezeichner für den Erstflug des Mars-Helikopters (IGY-1), ein Rufzeichen (INGENUITY) und unsere Buschpiste im Jezero-Krater auf dem Mars (JZRO).“

Screenshot des Tweets der NASA über die ICAO-Bezeichnungen für Fluggerät und Flugplatz; wie häufig in den letzten Jahren hat die NASA auch wieder ein fiktives Flugticket erstellt.

Das Fluggerät selbst hat nun die offizielle ICAO-Bezeichnung IGY — so wie Luftfahrzeuge auf der Erde ebenfalls ICAO-Abkürzungen haben. Und natürlich hat die NASA in einer Pressekonferenz auch ein Flugbuch präsentiert, passend zum Mars mit rotem Einband:

Flugbuch von Ingenuity (Bild: Screenshot aus dem Video vom Tweet der NASA-Pressekonferenz)

Was für sich genommen also ein kleiner Hüpfer war, der vor allem als Experiment einiger Techniker*innen und Wissenschaftler*innen relevant ist, soll durch seine historische, mediale und institutionelle Einbettung an Bedeutung gewinnen. Die Namen (Wright Brothers Field), Rufzeichen (INGENUITY), Abkürzungen (IGY und JZRO) und Requisiten (das Flugbuch) rufen aktuelle und historische Luftfahrt-Kontexte auf, mit denen der Flug von Ingenuity erst als Medienereignis konstruiert wird. Die Einbindung der zur UN gehörenden ICAO stellt sicher, dass dieses Ereignis nicht nur auf die USA beschränkt bleibt, sondern internationalen Anspruch erhebt.

Auch wenn das vor allem Marketing ist — per definitionem ist auf dem Mars jetzt ein Flugplatz, auch wenn weder Ort noch Fluggerät dem entsprechen, was wir im Alltag unter Flugplatz oder Helikopter verstehen würden. Ungeachtet solcher Feinheiten soll am Ende im Gedächtnis bleiben, dass am 19.04.2021 der erste Motorflug der Menschheit auf einem fremden Planeten durchgeführt wurde, in der Tradition der Luftfahrtpioniere Gebrüder Wright — „NASA scores Wright Brothers moment with first helicopter flight on Mars“, titelt die Nachrichtenagentur Reuters in ihrer Berichterstattung. Die dafür von NASA und ICAO genutzten kommunikativ wirksamen Elemente sind am Ende fast faszinierender als der Flug an sich.

Den mein Nerd-Herz trotz allem ziemlich cool findet.


(Titelbild: NASA / Public Domain)

SpaceX Style

Vorhin war der auf heute verschobene Start der ersten mit zwei Menschen besetzten Crew Dragon, womit die USA seit langer Zeit wieder von eigenem Boden die Internationale Raumstation ISS anfliegt. Ganz klassisch haben wir uns dazu keinen Livestream im Internet angeschaut, sondern die Phoenix-Sendung im Fernsehen. Und davon hab ich dann mit meinem einfachen Handy (kein Smartphone) schlecht aufgelöste Fotos gemacht. Im Nachhinein etwas ironisch, immerhin ist die Raketentechnik heute nicht wesentlich moderner als früher, wenn man mal von der Landung der 1. Raketenstufe der Falcon 9 absieht (die für sich ziemlich beeindruckend ist, aber … wann gibt es endlich richtige Raumschiffe?) Die Raumanzüge, die Inneneinrichtung und das User Interface bringen aber immerhin etwas Science-Fiction-Flair in die Raumfahrt.

Ich gebe zu, dass ich das alles ziemlich cool finde.

Wenn es mir gelingt, die Gedanken an den wirklich sehr gruseligen Donald Trump, die irgendwie täglich schlimmer wirkenden politischen Zustände in seinem Land und die offenbar trotz allem begeisterten Trump-Wähler*innen zu verdrängen. Der Name der Weltraummission „Launch America“ ist vor dem Hintergrund ziemlich zwiespältig. Aber das Thema bräuchte einen längeren Kommentar, als ich jetzt Lust habe zu schreiben.

SpaceX Docking Simulator

Am 27. Mai will die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA endlich wieder selbst Menschen in den Weltraum bringen, nachdem sie jahrelang auf russische Hilfe angewiesen war. Elon Musks Weltraumunternehmen SpaceX wird den Flug zur Internationalen Raumstation durchführen. Wer den Andockvorgang der Dragon genannten Raumkapsel an die ISS einmal selbst ausprobieren will, kann das online im Browser tun. Der Simulator stellt angeblich das echte User Interface nach, das auch die NASA-Astronauten bei einem manuellen Andocken benutzen würden, und das auch in dem Video unten zu sehen ist:

Mehr Informationen zu der SpX-DM2 genannten Mission findet man in ihrem Wikipedia-Eintrag.

(Titelbild: Wikipedia)

7 aus dem Strom: Juli ’19

Nach längerer Pause — Urlaub, Erkältung, Urlaub — habe ich aus dem reißenden Strom des Internet mal wieder sieben Artikel zu Gesellschaft und Wissenschaft ausge“siebt“, die ich in den letzten Wochen für besonders lesenswert hielt.

In ihrem Blog/Magazin Ant1heldin schreibt Sabine Friedrich über feministische Popkultur. Unter anderem nimmt sie Filme und Serien unter die Lupe und berichtet über Bücher. Zuletzt hat sie Virginie Despentes Buch „King Kong Theorie“ vorgestellt, das 2018 neu übersetzt wurde. Das Buch, das sieben Essays enthält, sei „ein einziger wütender Rundumschlag gegen alle gesellschaftlichen Zerrbilder von Geschlechtsidentität und Sexualität — und ein Lobgesang auf das Unangepasstsein“. Friedrich bespricht die einzelnen Essays, hebt deren lohnenswerte Gedanken vor, wenngleich sie manche Thesen als „sehr plakativ und vereinfachend“ empfindet und „ein bisschen Differenziertheit“ vermisst. Virginies Buch ist 2018 bei KiWi erschienen.


Bei ZEIT online wurde ein Artikel des Historikers Bodo Mrozek veröffentlicht, in dem Mrozek sich ausführlich mit dem von Rechten öfter getätigten Vorwurf auseinandersetzt, dass sich als urban und global verstehende Menschen keine Heimat mehr hätten. Unter anderem wiederholt der AfD-Politiker Alexander Gauland häufiger diesen Gedanken. Um diesen Vorwurf zu entkräften — vielleicht auch zu entlarven –, geht Mrozek weit zurück in die Medien- und Kulturgeschichte. Ein sehr langer, ziemlich dicht geschriebener, aber sehr lesenswerter Text.


In einem Beitrag im Missy Magazine (der schon im März online ging) denkt Ina Holev darüber nach, wie der Begriff des „digitalen Kolonialismus“ besser zu fassen ist. Damit ist gemeint, dass Internet-Technologien durch eine männliche, weiße, ‚westliche‘ Sicht dominiert werden. Länder, die man auch als „globaler Norden“ bezeichnet, exportieren Hard- und Software in andere, wirtschaftlich ärmere Regionen, während die für die Herstellung von Hardware nötigen Rohstoffe aus diesen Regionen stammen. Und mit dem Export von Hard- und Software werden auch Inhalte exportiert. Daher fragt Ina Holev, wie „ein Internet als digitales Archiv und Kommunikationsplattform funktionieren [kann], in denen das Wissen von Frauen und queeren Menschen, People of Color und anderen marginalisierten Gruppen ohne Einschränkungen zur Verfügung steht?“ Dass das keine theoretische Frage ferner Länder ist, sondern auch ein deutsches Problem, zeigen z.B. die Vorgänge um die Liste weiblicher Science-Fiction-Autor*innen in der deutschsprachigen, männlich dominierten Wikipedia (siehe unser Interview mit Theresa Hannig).


Wer sich noch mehr mit Fragen von Digitalisierung, Gerechtigkeit und Umweltschutz befassen möchte, sollte sich einmal den Tagungsband der Konferenz „Bits & Bäume“ anschauen. Die Tagung fand im November 2018 statt und Anfang Juli erschien dazu das Buch „Was Bits und Bäume verbindet“. Herausgeberinnen sind Vivian Frick und Anja Höfner von der Technischen Universität Berlin. Der Band lässt sich kostenlos herunterladen oder für 20,00 EUR beim oekom-Verlag kaufen. Zahlreiche Autor*innen präsentieren darin wissenschaftlich und theoretisch fundierte, aber praxisnahe Ideen zu einer gerechteren und nachhaltigeren digitalen Gesellschaft. Die auch optisch sehr gut gestalteten Beiträge sind in fünf Kategorien unterteilt. Der Teil „Wie schwer wiegt ein Bit?“ etwa fragt nach den „soziale[n] und ökologische[n] Auswirkungen“ der heute üblichen Digitalisierung. Der Abschnitt „Alternativ wirtschaften“ präsentiert dann Ansätze, wie eine „andere Digitalisierung“ gelingen kann. Mehr zu dem Buch und ein Interview mit den Herausgeberinnen in Kürze auf ueberstrom.net.


Ein Aspekt der digitalen Gesellschaft ist Künstliche Intelligenz. Die ist keine Science Fiction mehr, sondern Alltag. Neben Datenschutz-Bedenken rückt zunehmend auch ihr Energieverbrauch in den Fokus. Der spektrum.de-Autor Adrian Lobe gibt hierzu einen umfassenden Überblick.


Abseits größerer gesellschaftlich-politischer Zusammenhänge kann Computertechnik auch auf basalster physikalischer Ebene problematische Folgen für die von ihr abhängenden Menschen und Gesellschaften haben. Ganz weit entfernt von großen Themen wie Datenschutz und Nachhaltigkeit ist etwa die Zuverlässigkeit digitalen Rechnens als solche immer wieder ein Problem. Im Alltag merken wir selten etwas davon, aber digitale Computerchips sind grundsätzlich fehleranfällig. Ein häufiger Fehler sind sogenannte Bit Flips. Ein Bit ist die kleinste Einheit in einem Computer, heute meist als winzigkleine Schaltung auf einem Chip umgesetzt, die Strom durchlässt oder nicht. Bei einem Bit Flip kehrt sich der Wert eines Bits plötzlich um: Was 0 ist, wird 1 oder umgekehrt. Der Schalter springt einfach um. Das ist ein natürlicher Vorgang, der sich nicht ganz vermeiden lässt. Ein Bit Flip kann etwa durch den Einfluss kosmischer Strahlung geschehen, wie im Jahr 2003, als in Belgien das erste Mal Wahlautomaten eingesetzt wurden. Durch einen Bit Flip wurde das Ergebnis falsch berechnet (siehe dazu folgende Animation, die vom WNYC Radiolab erstellt wurde, wo es auch einen längeren Podcast zu dem Thema gibt).

Animation zu Bit Flips bei der Wahl 2003 in Belgien (WNYC Studios Radiolab)

Man versucht die Folgen von Bit Flips zu begrenzen, indem man ein Mehrheitsprinzip benutzt. Dann wird der Wert eines logischen Bits z.B. durch drei physische Bits dargestellt: Ist das logische Bit 1, dann liegen idealerweise auch drei physische Bits (111) vor. Aber auch, wenn nur zwei der drei physischen Bits 1 sind (110, 101 oder 011), ist das darauf aufbauende logische Bit 1, denn die Mehrheit der physischen Bits ist 1 — das physische Bit, das 0 ist, muss das fehlerhafte sein. Wegen des Auftretens von Bit Flips würde man gerne wissen, wie empfindlich eine logische Schaltung für Bit Flips ist. Wie viele Bits der Eingabe dürfen ‚umkippen‘, bis sich die Ausgabe der Funktion verändert? Das war für Jahrzehnte ein ungelöstes mathematisches Problem, das als „sensitivity conjecture“ bekannt ist. Der Mathematiker Hao Huang hat dieses Problem nun gelöst, wie Erica Klarreich in ihrem umfangreichen Artikel im Quanta Magazine berichtet. Der ist auch für Nicht-Mathematiker verständlich (das Paper von Hao Huang gibt es als PDF hier).


Raumfahrt ist faszinierend, aber immer mit dem Risiko von Umweltschäden behaftet. Es werden starke Raketen mit chemischen Antrieben benötigt, um den Bereich der Erdanziehung zu verlassen. Im All angekommen, bewegt man sich ebenfalls mit Hydrazintriebwerken fort oder hat einen Radioisotopengenerator an Bord. Wenn beim Start auf der Erde etwas schiefgeht, besteht die Gefahr, dass das hochgiftige Hydrazin oder radioaktives Material in die Umwelt gelangen (mal abgesehen von den Emissionen der Raketen beim erfolgreichen Start). Um wenigstens den Teil des gefährlichen Treibstoffs einzusparen, der im All selbst genutzt wird, werden alternative Antriebe entwickelt, z.B. Ionenantriebe. Eine weitere Alternative können Sonnensegel sein. Um das zu testen, hat die Organisation „The Planetary Society“ den Satelliten LightSail 2 in den Weltraum geschossen und Ende Juli dessen Segel entfaltet. Darüber berichtete die New York Times. Ein Sonnensegel soll die von der Sonne ausgehenden Photonen nutzen, um ein Raumfahrzeug zu beschleunigen. Zumindest theoretisch wäre damit ein treibstoffloses Reisen möglich.

Mondlandung in VR

Vor 50 Jahren, am 20.07.1969, fand die Mondlandung statt. (Ja, tat sie.) Dementsprechend gibt es heute sehr viele Artikel in Online-Medien dazu. Sehr interessant ist bei heise.de etwa die Beschreibung des Computers, der in Apollo 11 verwendet wurde (und der erfreulicherweise mehrfach auf die wichtige Rolle von Margaret Hamilton für die Entwicklung des Computers hinweist, siehe auch unsere Notiz hier).

Ich will heute aber nur kurz die Virtual-Reality-App Apollo 11 VR erwähnen, die schon 2017 rauskam, 2018 ein HD-Update erhielt und in der die Mondlandung aus Sicht der Besatzung im engen Raumschiff gezeigt wird. Neben einem passiven Dokumentationsmodus, der grafisch gut gemacht und schon recht immersiv ist, kann man die simulierte Landefähre auch selbst steuern.

Die App gibt es für 9,99 EUR als HD-Version für alle wichtigen PC-gestützten VR-Brillen, ausprobiert habe ich die 4,99 EUR teure ältere mobile Version für Oculus Go.

7 aus dem Strom: KW24/25

Forschung und Diskussionen zu Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, veränderter Mediennutzung oder neuen technologischen Entwicklungen wirken wie ein endloser Strom mit vielen Abzweigungen. Regelmäßig verlinken wir sieben besonders interessante Neuigkeiten.

Der Kulturwissenschaftler und Autor Wolfgang Ullrich verlinkt zwei Beiträge von sich zum Thema Konsumverzicht und „Fridays for Future“. Insbesondere das Interview, das Ullrich der Deutschen Welle gab, ist lesenswert. Ullrich darin über das heute nötige Abwägen unterschiedlicher Interessen: „Ich muss persönlich immer wieder neu entscheiden, ob ich ein ökologisches Interesse habe, ein soziales oder strukturelles.“ Dies verursache Unsicherheit und das frustriere. Ullrich fragt, ob nicht sogar Unternehmen selbst Anreize setzen könnten, damit Konsumenten umweltbewusstere Entscheidungen treffen: „Stellen Sie sich vor, das nächste iPhone, das auf den Markt kommt, gibt es nicht einfach nur gegen Geld, sondern das bekommt nur jemand, der nachweisen kann, dass er die letzten zwei Jahre nicht geflogen ist oder 20 Stunden Umweltarbeit in seiner Gemeinde geleistet hat.“ Dies, so Ullrich, wäre ein viel stärkeres Statussymbol als würde man einfach nur viel Geld bezahlen.


Bekanntlich ist der Philosoph Jürgen Habermas 90 Jahre alt geworden. Anlässlich dieses Geburtstags fragt heise-Online-Autor Detlef Borchers: „Wo sind eigentlich [Habermas‘] Reflexionen zur künstlichen Intelligenz“? In Texten und Reden Habermas‘ findet Borchers einige Antworten, wenngleich diese sich eher mit Digitalisierung allgemein befassen.


Künstliche Intelligenz in Form von Robotern und Androiden ist schon lange Thema in der Literatur. Ian McEwans neuer Roman „Maschinen wie ich“ verlegt das Thema in ein kontrafaktisches Großbritannien der 1980er Jahre, in dem Alan Turing noch lebt wodurch es große Forschung in der KI-Forschung gab. Eine Rezension aus Sicht eines Physikers und Philosophen gibt Lars Jaeger in seinem Blog bei spektrum.de. Jaeger hebt hervor, dass McEwan sich „wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit“ befinde. Eine andere Perspektive nimmt Ulrike Baureithel im aktuellen Freitag ein (Ausgabe 25, 20.06.2019). Unter dem Stichwort „Maschinentraurigkeit“ fragt sie, ob Menschen „Sex mit Robotern haben [sollten]“ und was das bedeutet. Daneben übt die Rezensentin vorsichtige Kritik an langen „Monologe[n] [Turings], in denen die Geschichte der Informatik ebenso ausschweifend eingefangen wird wie [Turings] eigene“. Diese Monologe, so Baureithel, „drohen an manchen Stellen die Erzählform zu strangulieren“.


Dass es nach wie vor viel weniger Frauen in der Informatik gibt als Männer, und dass sich diese Lücke bei gleichbleibender Entwicklung wohl erst in 100 Jahren schließen wird, ist Thema einer Nachricht in der New York Times. Die Zeitung berichtet über eine Studie, in der 2,87 Millionen wissenschaftliche Publikationen der Jahre 1970 bis 2018 untersucht wurden; die Daten erhielten die Autor*innen der Studie von der dblp-Bibliographie, die an der Universität Trier gehostet wird.


In der Süddeutschen Zeitung widmet sich Nicole Grün der Befristung wissenschaftlichen Personals. Maßgeblich ausgelöst durch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, sind Kettenbefristungen, kürzeste Vertragslaufzeiten von manchmal nur drei Monaten, das Hangeln von einem Projektantrag zum nächsten sowie Nebenjobs die Regel für sehr viele jüngere Wissenschaftler*innen, die die 40 noch nicht überschritten haben. Frauen sind zusätzlich benachteiligt, wenn sie Kinder bekommen wollen.


Schwarzes Loch in M87. (Bildnachweis: Wikipedia)

Vor zwei Monaten wurde die erste Abbildung eines ‚echten‘ sogenannten Schwarzen Lochs veröffentlicht. Eine neue Folge des AstroGeo-Podcasts diskutiert nun die Frage, wie die Abbildungen (es waren eigentlich mehrere, und es waren keine Fotos, wie schon im April Frank Wunderlich-Pfeiffer bei golem.de betonte) zustande kamen und welche Bedeutung es hat.


Immer mal wieder finden Raumsonden Spuren von Methan auf dem Mars. Zuletzt gelang das dem Mars-Rover Curiosity der NASA, wie die New York Times berichtet. Unklar ist, ob die Messungen alte Methaneinschlüsse sind, die aus wärmeren Tagen des Planeten stammen und durch Felsen freigesetzt werden, ob das Methan gar womöglich Produkt kleiner Mikroben ist — oder doch nur ein Messfehler.

7 aus dem Strom: KW21

Forschung und Diskussionen zu Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, veränderter Mediennutzung oder neuen technologischen Entwicklungen wirken wie ein endloser Strom mit vielen Abzweigungen. Einmal in der Woche verlinken wir sieben besonders interessante Neuigkeiten.

Künstlerische Darstellung des Mars 2020-Rovers. Bildnachweis: NASA / JPL-Caltech

Im Juli 2020 will die NASA wieder einen Rover auf den Mars senden. Die Sonde soll u.a. nach Spuren mikrobiellen Lebens suchen und Methoden zur Generierung von Sauerstoff aus der Mars-Atmosphäre testen. Für Mars 2020 wurde nun eine Marketing-Aktion wiederbelebt, bei der Menschen ihre Namen an Bord des Rovers mitschicken können. In einem Formular gibt man Namen, Land und E-Mail-Adresse ein, anschließend wird ein „Flugticket“ generiert, das man sich als Andenken abspeichern oder ausdrucken kann. Dieselbe Aktion gab es schon in den Jahren 2014 und 2018. Beim ersten Mal „flog“ der Name beim Testflug des Orion-Raumschiffs mit; letztes Jahr ging es mit InSight schon einmal auf den Mars.


Elon Musks Weltraumunternehmen SpaceX hat mit einem Start ihrer Falcon 9-Rakete 60 Kommunikationssatelliten gleichzeitig ins All geschossen (Video). Die Satelliten gehören zu einem Starlink genannten Projekt und sollen einmal 12.000 an der Zahl werden. Sie sollen Internet-Zugang auch für entlegene Regionen der Welt ermöglichen. (Quelle: spiegel.de)


Auf ZEIT online ist ein umfangreiches Interview mit der italienischen Astronautin Samantha Cristoforetti erschienen, in dem sie auch über die Herausforderungen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Nationen auf der Internationalen Raumstation spricht.


Murray Gell-Mann (Bildnachweis: Wikipedia/Joi)

Der amerikanische Physiker Murray Gell-Mann (1929-2019) ist am 24. Mai gestorben. Gell-Mann forschte am California Institute of Technology (Caltech) zur Teilchenphysik. Am bekanntesten ist er als einer mehrerer Entdecker der Quarks genannten Teilchen, aus denen u.a. Protonen und Neutronen (Bestandteile von Atomkernen und Beispiele für Hadronen) bestehen. Gell-Mann postulierte die Quarks im Jahr 1964; im Jahr 1969 erhielt er den Nobelpreis für Physik für seine Arbeiten zur Klassifizierung der Elementarteilchen. Gell-Mann war an einer großen vereinheitlichten Theorie (Grand Unified Theory) interessiert; später arbeitete er zur Frage komplexer Systeme in Biologie, Ökologie, Soziologie und Informatik. Dies stellte er 1994 in seinem Buch „Das Quark und der Jaguar“ für die breite Öffentlichkeit dar (vgl. dazu Bernd Gräfraths durchaus kritische Rezension aus dem Jahr 1995).


In freier Wildbahn lebende Schimpansen scheinen möglicherweise in der Lage zu sein, für die Zukunft zu planen. Dies ist zumindest eine Intepretation, die Simone Pika, Harmonie Klein, Sarah Bunel, Pauline Baas, Erwan Théleste und Tobias Deschner in einem Paper zur Schildkrätenjagd durch Schimpansen vertreten. Zwischen 2016 und 2018 beobachteten die Autor*innen mehrere Schimpansen-Individuen im Loango-Nationalpark (Gabun) bei der Jagd nach Schildkröten und ihrem Umgang mit der Beute. In einem Fall aß der männliche Schimpanse seine Beute nicht vollständig auf (oder ließ sie einfach liegen), sondern verstaute die Reste in einer Astgabel. Etwa 100 Meter entfernt baute er sich in einem anderen Baum ein Nest und schlief. Am nächsten Tag ging der Schimpanse zum ersten Baum zurück und verzehrte die Reste vom Vortag. Die Autor*innen sehen zwei Möglichkeiten als plausible Erklärung für ihre Beobachtung: Einerseits kann es sich einfach um eine gute Gedächtnisleistung des betreffenden Individuums handeln — der Schimpanse könnte am zweiten Tag Hunger verspürt und sich an die ablegte Futterquelle erinnert haben. Dies, so die Autor*innen, würde aber nicht erklären, warum der Schimpanse die Schildkröte in die Astgabel gelegt (anstatt einfach liegen gelassen) hat. Die Autor*innen halten es daher für möglich, dass der Schimpanse für ein zukünftiges Bedürfnis geplant hat. (Quelle: spektrum.de)


Wie Künstliche Intelligenz zu ihren — aus naiver Beobachtersicht nicht selten beeindruckenden — Schlüssen kommt, ist zurzeit oft unklar — man sieht die Ergebnisse, aber nicht, worauf sie beruhen. Dies ist ein Problem, das der Informatik durchaus bekannt ist und an dem gearbeitet wird. Die FAZ berichtet über zwei Studien, bei denen KI-Systeme die Schlüsse ihrer neuronalen Netze erklären. In einer der Studien geht es um die Einstufung von Tumoren. Wenn ein medizinisches KI-System seine Ergebnisse in verständlicher Sprache darlegt (offenbar ebenfalls durch ein neuronales Netz ermöglicht), können Ärzt*innen die Ergebnisse besser beurteilen als sich schlimmstenfalls blind darauf verlassen zu müssen.


Häufig werden neuronale Netze als mathematisches Modell in gewöhnlichen Computern erzeugt. Es gibt aber auch Ansätze, Computerchips als künstliche Neuronen auszulegen; dies nennt man „neuromorphe Chips“. Wiederum die FAZ berichtet über ein Projekt, bei dem Forscher aus Münster, Oxford und Exeter einen neuromorphen Chip entwickelt haben, der keine elektrischen Bauteile nutzt, sondern allein Licht verwendet. Getestet wurde das System, wie oft bei neuronalen Netzen, mit Mustererkennungs-Aufgaben.