Rezension zu „Let’s Play“ bei Spektrum.de

Auf der Wissenschaftsseite spektrum.de hat Adrian Lobe eine Rezension zu „Let’s Play! Was wir aus Computerspielen über das Leben lernen können“ geschrieben. Der Autor und Journalist findet den zweiten Band unserer Buchreihe „aufschlussreich und differenziert“. Das Buch mache Lust, selbst zu Spielen wie Sim City oder einem Flugsimulator zu greifen. Hier geht es zum Artikel: https://www.spektrum.de/rezension/buchkritik-zu-lets-play/1805897

Lazarus lebt. David Bowies Musical am Schauspiel Leipzig

David Bowies Musical „Lazarus“ (zu dessen Premiere am 07.12.2015 in New York Bowie seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte) wird seit geraumer Zeit in unterschiedlichen Versionen auch in Deutschland aufgeführt. Am 15.06.2019 hatte Lazarus am Schauspiel Leipzig Premiere; ich habe mir die Aufführung am 04.07. angeschaut, nachdem ich schon vorher Ausschnitte der New Yorker Fassung im Internet gesehen, das Skript gelesen und die CD rauf und runter gehört hatte.

Lazarus vereint 16 Songs Bowies, von denen er vier extra für das Musical geschrieben hatte (darunter den Titeltrack, der auch auf dem gleichnamigen Album veröffentlicht wurde). Darunter sind Klassiker wie „Life on Mars?“, „Absolute Beginners“ und „Heroes“. Verbunden werden die Songs durch eine Geschichte, die Walter Tevis Roman „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976 mit Bowie verfilmt) fortführt.

Der Protagonist, der vom Planeten Anthea stammende Thomas Jerome Newton, hat das Leben auf der Erde satt und betäubt sich mit Alkohol und Fernsehen. Sein Wunsch ist es, eine Rakete zu bauen und nach Hause zurückzukehren. Da erscheint ein geheimnisvolles Mädchen und verspricht, ihm zu helfen. Die Handlung ist eher lose erzählt. Gezeigt werden einzelne Momente, die — wenn Newton im Mittelpunkt steht — immer mit einer gewissen Verzweiflung einhergehen. Nebenstränge drehen sich um Newtons Assistentin Elly, deren Leben in einer beruflichen und privaten Sackgasse steckt, und die sich in Newton verliebt, sowie um ein junges Liebespaar. Der bedrohlich-verführerische Valentine verbindet alle Stränge miteinander.

Die Leipziger Aufführung wird von Darsteller*innen und einer Band getragen, die Bowies Songs und seinem Musical sowohl musikalisch als auch schauspielerisch gerecht werden. Da Lazarus glücklicherweise kein Musical über David Bowie ist (wenngleich über autobiographische Einflüsse gern spekuliert werden darf), kann Newton-Darsteller Christopher Nell relativ unbelastet vom großen Vorbild agieren. Mit großer Dramatik, aber angemessen gefühlvoll spielt er den immer wahnhafter wirkenden Newton.

Fast schon overacted der sehr präsente Valentine-Darsteller Dirk Lange, der dem Gesamtwerk dadurch einen ironischen Spiegel vorhält. Ob es unbedingt nötig war, den letztlich gewalttätigen Valentine als Klischee des Leatherman (d.h. des in Lederkleidung gehüllten homosexuellen Mannes) zu zeigen, will ich nicht abschließend beurteilen. Möglicherweise ist dies, ähnlich wie alle anderen Kostüme, einfach ein weiterer Bezug zu popkulturellen Darstellungen der USA der 1970er Jahre.

Newtons weibliche Gegenparts sind gleichfalls gut besetzt. Luise Schubert singt und spielt Newtons Assistentin Elly (im Original von der u.a. aus How I Met Your Mother bekannten Cristin Milioti gespielt); Anna Keil das geheimnisvolle Mädchen. Letzteres wurde im Original von Sophia Anne Caruso dargestellt; Anna Keil verleiht der Rolle und Songs wie „Life on Mars?“ ein etwas angemesseneres Volumen.

Musikalisch hält sich die Leipziger Fassung ansonsten recht eng ans Original. Visuell und schauspielerisch setzt sie einige ansprechende Akzente. Videoeinspielungen kommen im heutigen Theater zwar recht oft vor, passen hier aber zur Handlung und fügen eine teils tragikomische Ebene hinzu. Ständige Bewegungen — der Bühne um sich selbst, aber auch von Menschen auf den verschiedenen Ebenen des durch ein Stahlgerüst symbolisierten New Yorker Wohnhauses — halten das Auge gefangen. Interessant ist im deutschsprachigen Theater zudem immer der Kontrast zwischen den deutschen Sprechrollen (Deutsch von Peter Torberg), deren Darbietung recht „theaterhaft“ wirkt, und den bei aller Tragik doch lässiger wirkenden englischsprachigen Liedern.

Insgesamt ist „Lazarus“ ein fast zweistündiger, surrealer, aber ans Herz gehender Trip durch Newtons Erinnerungen und Hoffnungen, sowie durch Bowies eigene Popgeschichte. Man gewöhnt sich schnell an die ambivalent gezeichneten Figuren und am Ende ist es schade, wie schnell das Musical vorbei ist. Dies ist nicht nur der Verdienst der zeitlosen Songs selbst, sondern besonders auch das der Leipziger Schauspieler*innen und der stets sichtbaren Band. Entsprechend begeistert zeigte sich am Ende auch das Publikum.

„Lazarus“, David Bowie und Enda Walsh, nach dem Roman „The Man Who Fell To Earth“ von Walter Tevis. Schauspiel Leipzig.

Aus dem Gleichgewicht — Theresa Hannig: Die Unvollkommenen

Am mecklenburgischen Ostseestrand, nahe der Hansestadt Rostock, gibt es ein Seebad, das für gewöhnliche Bürger*innen nicht zugänglich ist. Nein, die Rede ist nicht von Heiligendamm, das seit dem Verkauf des historischen Ortskerns an den Projektentwickler Anno August Jagdfeld im Jahr 1996 auch an normalen Tagen fast so abgeschottet ist wie während des G8-Gipfels 2007. Nein, hier geht es um das nur wenige Kilometer entfernte Ostseebad Kühlungsborn — allerdings das des Jahres 2058, wie es in Theresa Hannigs neuem Roman „Die Unvollkommenen“ geschildert wird.

Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.

2058 wird Kühlungsborn durch eine riesige weiße Mauer vom Rest der Küste abgegrenzt sein. Die 1910-12 im Ortsteil Arendsee errichtete „Villa Baltic“ wird 2058 zum sanften Gefängnis ausgebaut sein — zum „Internat“, wie es in der euphemistischen Sprache der Bundesrepublik Europa (BEU) heißen wird. In das Internat kommen keine Kinder reicher Eltern, sondern aufmüpfige Bürger*innen, die sich nicht mit der durch Social Scoring und KI-gestützte Überwachung geprägten Optimalwohlökonomie der BEU abfinden möchten. In Kühlungsborn verbringen diese bedauernswerten Gestalten ihr Leben in einem goldenen Käfig zwischen Völlerei und Unterhaltungsmedien, ruhig gestellt und bewacht von Robotern, und jeden Freitag versorgt mit religiös verbrämter politischer Propaganda. Wer Glück hat, muss nur einige Zeit in diesem Albtraum verbringen. Andere aber sollen bis zum Lebensende bleiben. Eine dieser Unglücklichen ist Paula Richter, auch bekannt als Lila.

BEU, Optimalwohlökonomie, Roboter und Lila — wem das bekannt vorkommt, hat wahrscheinlich Theresa Hannigs Roman „Die Optimierer“ (2017) gelesen (Rezension). Im Juni 2019 nun hat Hannig die Fortsetzung „Die Unvollkommenen“ veröffentlicht. Endlich erfahren wir, wie es weitergeht mit den Themen und Personen, die die Autorin damals eingeführt hat. Es sind einige Jahre vergangen und der Protagonist des ersten Bandes, Samson Freitag, ist nach seiner Wiedergeburt als Roboter nicht nur zum Alleinherrscher aufgestiegen, sondern wird mittlerweile als Gottheit verehrt. Lila lag einige Weile im juristisch verordneten künstlichen Koma, darf aber auf Bewährung aufwachen und im Internat Kühlungsborn in einem goldenen Käfig leben. Jeden Freitag finden dort Andachten zu Ehren Samsons statt.

Etwa das erste Drittel des Buches spielt in Kühlungsborn und an der Küste. Später geht es zurück nach München, an den Schauplatz des Vorgängerbuches. Auch dort wird deutlich, was sich im Internat schon andeutete: dass die ganze BEU sich von einer zumindest formal noch demokratischen Staatsform zu einer Theokratie entwickelt hat. Zu hunderten rennen die Menschen in München in die nunmehr Samson gewidmeten Kirchen, um an einer Art Gottesdienst teilzunehmen und dort öffentlich ihre Sünden zuzugeben und zu bereuen. Anders als bei früheren Religionen ist das religiöse Versprechen aber eingelöst: Wenn die Menschen innerlich von Gott berührt werden, dann ist das nicht nur ein Gefühl oder eine Metapher, sondern Folge der „Integration“ — der Implantation bestimmter Computerchips ins Gehirn, was fast alle Menschen mit dem Internet und mit Samson verbindet, und mit denen die Menschen und Samson auch die Hormonproduktion der Körper steuern können: Glück und Ekstase auf Knopfdruck.

Während dies für manche Menschen eine nützliche Hilfe im Alltag und ersehntes religiöses Einssein mit Samson bedeutet, ist es für Freigeister wie Lila nicht so einfach. Sie ist hin und her gerissen zwischen ihren eigenen Überzeugungen, ihren früheren politischen Ambitionen, ihrer Sympathie zum früheren Menschen Samson, und ihrer erst Ab- und zunehmend Zuneigung zum Roboter-Gott Samson, der sie für eine besondere Aufgabe auserkoren hat. Durch die Haft und die gesellschaftlichen Veränderungen (z.B. gibt es eine neue Art Roboter, die sich von ihren Vorgängern, die noch unreine Mensch-Roboter-Hybriden waren, abgrenzt) hat Lila ihr Gleichgewicht verloren. Hannig macht diese inneren Konflikte insgesamt nachvollziehbar, ich hätte dem Buch aber etwas mehr Seiten gewünscht, damit Lila auch im Einzelnen weniger sprunghaft, nachvollziehbarer wirkt.

Etwas mehr Ruhe hätte ich auch manchen Dialogen gegönnt, da sie nämlich wichtige Themen verhandeln, die nicht erst 2058 relevant sein werden. Wir reden etwa ständig von KI, aber ist die eigentliche Herausforderung nicht eher die menschliche Seele? Welche Rechte können künstliche Menschen (Roboter) für sich beanspruchen? Was ist von einer Trennung künstlicher Menschen und (unvollkommener?) biologischer Menschen zu halten? Ist Abschottung wirklich die beste Antwort auf die teils gewalttätigen Folgen einer vom Klimawandel gequälten Welt? Welche Rolle spielt Religion, wenn die Verheißung eines „Reinen Landes“ nach dem Tod mit technischen Mitteln wirklich realisierbar ist? Ist so ein künstliches Paradies nur ein schwacher Ersatz, oder die Erfüllung allen Glaubens? Darf man Menschen zwingen, sich technisch in eine vollvernetzte Welt und deren Roboter-Gott zu integrieren? Das ganze Buch ist durchzogen von diesen wichtigen Fragen.

Während „Die Optimierer“ noch unsere Welt und nähere Zukunft widerspiegelt, sind „Die Unvollkommenen“ innerhalb weniger Jahre an einem Punkt angelangt, der an die von Ray Kurtzweil vorhergesagte technologische Singularität erinnert. Die Grenze zwischen Utopie und Dystopie ist in der BEU hauchdünn — wie Lila selbst ist man als Leser*in hin und her gerissen — will Samson nicht letztlich doch nur das Gute für alle Menschen? Eine allzu einfache Antwort gibt das Buch nicht — wenngleich zumindest Lila am Ende eine Entscheidung fällt.

Bildnachweis: Bastei Lübbe (Shop)

Theresa Hannigs Roman „Die Unvollkommenen“ ist im Juni 2019 bei Bastei Lübbe erschienen.

Musikalische Vielfalt im Digitalen Zeitalter – bestens dargeboten von der Band „The 1975“

Die Band „The 1975“ aus Manchester hat bisher drei Alben herausgebracht, die in Großbritannien und den USA Top-Platzierungen erreichten. Die Musikkritiker waren sich in ihren Bewertungen bisher sehr uneins, was die musikalische Qualität der Band betrifft. Das neueste Album „A brief inquiry into online relationships“ ließ jedoch einige Kritiker die Höchstnoten zücken.  

Vor kurzem habe ich im Fernsehen den Auftritt von „The 1975“ bei „Rock am Ring“ gesehen. Ich kannte bisher nur den Namen der Band, ohne einen einzigen Song gehört zu haben. Sofort war ich elektrisiert von diesen Retro-Pop-Songs und dem unglaublich leidenschaftlichen und exaltierten Sänger Matthew Healy, der teilweise in seiner Attitüde ähnlich wie Michael Jackson auf der Bühne agierte.

Bei „The 1975“ ist einiges anders als bei anderen Bands. Sie beginnen zum Beispiel jedes ihrer Alben mit demselben Intro, das nur jeweils musikalisch etwas anders umgesetzt ist. Das Besondere bei ihnen ist jedoch, dass sie brillant fast alle musikalischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte auf ihren Alben, manchmal sogar in den einzelnen Songs selbst mischen – in der Medientheorie würde man von Intermedialität sprechen, wenn ein Medium in ein anderes integriert wird bzw. in einem anderen aufgeht.

Es gibt luftige, wunderschöne, melodische Pop-Nummern zu hören, die an die 1980er Jahre, teilweise auch an die 1970er Jahre erinnern, so wie das tolle „It`s not living (if it`s not with you)“ oder „The Sound“. Auf den Platten finden sich R `n` B Songs oder Soulnummern, die an Prince, Michael Jackson oder Boyz II Men erinnern. Dann wiederum werden die Hörer*innen in sphärische Klangwelten á la Radiohead entführt. Andere Songs erinnern an Joy Division, New Order, The Police („Paris“) oder Dave Gahan („Inside your mind“). Jazz („Mine“) und Electronica („How to draw / Petrichor“) sind weitere Genres, derer sich “The 1975” bedienen.

Die Songs sind auf höchstem Niveau produziert und in ihrer Vielseitigkeit machen sie einfach Spaß, weil eigene musikalische Erinnerungen wieder zum Leben erweckt werden. Und immer wenn man denkt, dass man es mit einem simplen Pop-Album zu tun hat, erwartet einen ein nächster überraschender Song, der stilistisch in eine ganz andere Richtung geht. Nicht jeder Song ist gleich gut; aber in ihrer Vielseitigkeit hat die Band ihren eigenen Stil kreiert.

Der Sound verweist darauf, dass es heutzutage möglich ist, durch den ständigen Zugang zu Millionen von Songs auf Youtube und bei verschiedenen Streamingdiensten in relativ kurzer Zeit Musik aus verschiedenen Jahrzehnten zu erschließen. „The 1975“ kopieren jedoch nicht einfach, sondern machen moderne, ehrliche und lässige Musik im digitalen Zeitalter. Das lässt hoffen!

Juno Morse hat den Soundtrack für die utopische Maschinenstadt

Die Karriere des bekannten Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke (1917-2008) begann mit der kleinen Novelle „Against the Fall of Night“ (1948, dt. „Diesseits der Dämmerung“). Clarke überarbeitete das Buch später. Die längere Fassung veröffentlichte er 1956 unter dem Titel „The City and the Stars“ (dt. 1960 „Die sieben Sonnen“ bzw. 2011 „Die Stadt und die Sterne“).

Clarkes Thema in beiden Büchern ist das sichere, aber stagnierende Leben in der letzten, einzigen Stadt der Menschheit, Diaspar. Nach Jahrmillionen des Aufstiegs (Clarke dachte damals noch in zeitlichen Dimensionen, die an Olaf Stapledons „Sternenschöpfer“ erinnern) — die Menschen hatten ein weitläufiges Imperium im Weltraum errichtet — wurde die Menschheit zur Erde zurückgetrieben und alles, was von den menschlichen Kulturen übrig geblieben ist, findet sich in Diaspar — auf höchstem Niveau, von unglaublichen Maschinen behütet, aber stagniert und seltsam blass. Alvin ist das erste Kind, das seit langer Zeit geboren wurde. In „Against the Fall of Night“ bzw. „The City and the Stars“ begleiten wir Alvin dabei, wie er die Geheimnisse Diaspars, der Erde und der Menschheit aufdeckt — und natürlich ist am Ende doch alles etwas anders, als die offizielle Geschichtsschreibung vermutet.

Obwohl die Bücher schon so alt sind und in Stil und Zukunftsvorstellungen daher recht anachronistisch anmuten, ist es immer wieder eine Freude, Alvin lesend zu begleiten. Vor kurzem habe ich nun den Soundtrack zum Buch entdeckt. Der Züricher Musiker Juno Morse (mit bürgerlichem Namen Gregor Huber) hat 2013 ein ganzes Album zu „The City and the Stars“ komponiert und es auf Soundcloud zum kostenlosen Hören eingestellt:

Dieser „Artificial Symphonic Approach in 6 Movements“ (so der Untertitel) fängt die Atmosphäre von Clarkes Werk perfekt ein. Juno Morses Album ist elektronisch, beginnt aber mit kathedralenhafter, hollywoodesker Wucht, die den Pathos der Selbstherrlichkeit Diaspars sofort auf den Punkt bringt.

Schnell wird aber auch musikalisch deutlich, dass Diaspar am Ende doch nur ein leises Echo besserer Tage ist, übriggeblieben auf einer Erde, die schon vor Zehntausenden von Jahren zur Wüste geworden ist. Zwischen diesen Polen wechselt die Musik im Verlauf der Handlung: historische Größe einerseits, Melancholie des Niedergangs andererseits, aber doch mit leisen Hoffnungsschimmern versetzt, je mehr Alvin entdeckt.

Mal erinnert sie dabei an Soundtracks von Filmen wie Interstellar (wenn Juno Morse mit pompösen Orgelklängeln spielt) oder Blade Runner (wenn traurige, elektronisch verfremdete Bläser einsetzen). Dann wieder drängen sich Erinnerungen an Computerspiel-Soundtracks auf, wie Exxoss‘ 1992er Album Dune: Spice Opera (zum Spiel zum Film zu Frank Herberts Roman „Der Wüstenplanet“) oder zum Soundtrack des 2016 erschienenen Stellaris (wenn sich zu den Bläsern chillige Midtempo-Beats gesellen).

Die verschiedenen Elemente ergänzen sich zu einem kohärenten Ganzen. Mit der entstehenden Mischung gelingt es Juno Morse nicht nur, die Geschichten Clarkes angemessen zu vertonen — die Musik ruft auch die Erinnerung an mehrere Jahrzehnte multimedialer Science-Fiction-Popkultur hervor, was eigene Beachtung verdient und das Album hörenswert macht.

Jeder an seinem Platz – Theresa Hannig: Die Optimierer

Theresa Hannigs Roman „Die Optimierer“ (2017) fühlt sich an wie „Der Prozess“ in der Computergesellschaft. Am 28.06.2019 veröffentlicht Hannig die Fortsetzung „Die Unvollkommenen“. Hier posten wir noch einmal die Rezension zum ersten Teil.

Vor einer Weile stieß ich auf zwei Romane deutschsprachiger Autoren, die eine durchoptimierte Gesellschaft beschreiben. Leif Randts „Planet Magnon“ (2015) präsentierte eine Gesellschaft, die dank scheinbar perfekter Computerkontrolle von allen Konflikten befreit ist. Unterschiedliche Lebensentwürfe sind in dieser Welt nur in Form entsprechender Kollektive möglich, ein austariertes System für diejenigen, die es nicht in Frage stellen. Freilich braucht es in solchen Romanen trotzdem einen Konflikt, und der wird durch das „Kollektiv der gebrochenen Herzen“ eingebracht, das sich mit dem System nicht anfreunden mag. Randts Roman spielt auf verschiedenen Planeten eines fremden Sonnensystems, ist aber eher Parabel als „harte“ Science Fiction. Im Vordergrund stehen politische Modelle und deren Auswirkungen auf Individuen, technische Details auch zur namensgebenden mysteriösen „Flüssigkeit Magnon“ gibt es keine. „Planet Magnon“ zieht seine Faszination in erster Linie aus der Beschreibung der unterschiedlichen Kollektive (die teilweise auch als Parodie des akademischen Betriebs lesbar sind) und der Hinweise darauf, wie der Computer („ActualSanity“) auf die Gesellschaft einwirkt. Am Ende stellt sich die Frage, ob das aggressive „Kollektiv der gebrochenen Herzen“ nicht sogar nötig (und durch ActualSanity gewollt) ist, um das Gleichgewicht der Gesellschaft zu erhalten.

In der Grundthematik ähnlich, aber in der Ausführung viel „realistischer“ ist Theresa Hannigs Roman „Die Optimierer“ (2017). Der Roman spielt im München des Jahres 2052. Anders als etwa in Carl Amerys Klassiker „Der Untergang der Stadt Passau“ (1975) ist Bayern kein Opfer postapokalyptischer Wirren, sondern wohlhabener Teil einer stabilen und nach außen abgeschotteten Bundesrepublik Europa (BEU). In der BEU wurde nach dem Kollaps der EU die soziale Marktwirtschaft durch eine „Optimalwohlökonomie“ ersetzt: Jeder erhält ein bedingungsloses Grundeinkommen, darüber hinausgehende Lebensentwürfe werden von einer Agentur nach dem fast kommunistisch anmutendem Motto „Jeder an seinem Platz“ verteilt, basierend auf Fähigkeiten, Interessen und bisherigen Leistungen, die in Sozialpunkten gezählt werden. Wer nicht arbeiten will oder kann, oder für wen das System keine optimale Verwendungsmöglichkeit findet, wird in die „Kontemplation“ geschickt, sozusagen ein aufgezwungenes zehnjähriges Sabbatical, bei dem man tun kann was man will — nichts, Hobbys frönen oder sich weiterbilden, falls man später erneut eine „Lebensberatung“ haben möchte, um doch noch einer geachteten Tätigkeit nachzugehen.

Der Mensch als Vollstrecker von Algorithmen

Anders als in „Planet Magnon“ sind es in „Die Optimierer“ noch Menschen, die Lebensberatungen für andere vornehmen, wenn auch unterstützt durch allgegenwärtige Daten zu allem und jedem, per Kontaktlinse ständig im Sichtfeld. Einer der Berater ist Samson Freitag, ein Beamter. Er lebt ein angesehenes Leben im Sinne des Systems, hat viele Sozialpunkte, die eine baldige Beförderung versprechen — insgesamt ein ruhiges, vorhersagbares Leben, inklusive der Option, es nach 85 Jahren freiwillig zu beenden, um der Gesellschaft nicht zur Last zu fallen. Diese Ordnung gerät aus den Fugen, als verschiedene Ereignisse zu immer schlechteren statistischen Bewertungen und Vorhersagen über Freitag führen — obwohl er, wie er selbst mehrfach betont, überhaupt nichts falsch gemacht hat, sondern im Gegenteil die Regeln des Systems buchstabengetreu befolgt.

Das von Hannig beschriebene System ist die logische Fortführung bereits heute absehbarer technischer Gegebenheiten: Big Data, Social Networks, Augmented Reality, Roboter — diese und andere Versatzstücke wurden schon oft dargestellt. Ich fühlte mich stark an Fernsehserien der 2010er Jahre erinnert, insbesondere „Continuum“ und „Caprica“. Der Zwang, den das System auf sich für angepasst haltende Individuen so lange ausübt, bis sich diese endlich vom System abwenden, ist aus älteren Dystopien bekannt, insbesondere „1984“ und „Fahrenheit 451“, teilweise auch „New York 1999“. Theresa Hannig gelingt es jedoch, so nah an der heutigen, spezifisch deutschen Gesellschaft zu bleiben und diese zugleich so zu verfremden, dass ihr Roman über technologisch-technokratische Oberflächlichkeiten hinausgeht. Die zunehmende Verlassenheit des Herrn F., pardon, des Samson Freitag erinnert an ein ganz anderes Individuum, das tragisch an übermächtigen Apparaten zugrunde geht: An Josef K. aus Franz Kafkas „Der Prozess“.

Die Ausgangslagen beider Protagonisten ähneln sich: Sowohl K. als auch Freitag arbeiten in ihren jeweiligen Institutionen auf mittlerer Ebene und haben es dort zu relativem Wohlstand gebracht; im privaten Bereich leben sie in Beziehungen. Beide bestimmen über den Erfolg anderer Menschen — Freitag in seinen verbindlichen Urteilen der Lebensberatung, K. in seiner Beteiligung an Verhandlungen mit Geschäftsleuten, die seine Bank aufsuchen. Beide sind auf die weitere Entwicklung ihrer Karriere bedacht und daher besorgt um ihr Ansehen bei Vorgesetzten und Umfeld. Dieses Ansehen wird durch unerwartete Begebenheiten und in der Folge getroffenen falschen Entscheidungen immer mehr gefährdet und schließlich zerstört. Wie K. ist auch Freitag Opfer eines nicht verstehbaren Systems aus Regeln und Urteilen, gegen die man sich nicht wehren kann.

Das Justizsystem im „Prozess“ ist durch seine Unzugänglichkeit und Verästelung in immer höhere Stufen gekennzeichnet. Jede Form möglicher Hilfe führt in eine weitere Sackgasse, weil letztlich niemand weiß, wie das System funktioniert, worauf dessen Urteile beruhen und wie man überhaupt zu ihm durchdringen kann. Im Gegensatz dazu ist das optimalwohlökonomische System in „Die Optimierer“ scheinbar ganz transparent. Anstatt stickiger Dachbodenkammern in unbekannten Stadtvierteln befindet sich die Zentrale der Münchner Lebensberatung in bester Lage und soll durch viel Glas Offenheit vermitteln. Jeder Bürger kann statistische Daten und Bewertungen über sich selbst einsehen und so theoretisch nachvollziehen, warum bestimmte Optionen gesellschaftlicher Teilhabe möglich oder ausgeschlossen sind. Anders als Josef K. muss sich Samson Freitag nicht ewig fragen, warum er sanktioniert wird. Er kriegt im Gegenteil sogar staatlicherseits Infomaterial zugeschickt, das ihm mögliche Handlungsweisen aufzeigt, um seinen Status wieder zu verbessern. Dazu zählt auch die Möglichkeit, Verbesserungsvorschläge zu jedem denkbaren Aspekt des Systems einzureichen, die oft sogar akzeptiert werden. Damit unterliegt das Individuum zwar dem Zugriff des Systems, aber es hält das System auch aktiv aufrecht. Für Freitag erscheint das verlässlich und fair. Niemand wird wirklich gezwungen, etwas zu tun oder zu lassen, sodass auch beim Lesen des Romans einem stellenweise der Gedanke kommen kann, dass das alles so schlecht nicht ist.

Ohnmacht trotz Transparenz

Bis man begreift, dass die wahren Spielregeln nicht die sind, die Freitag bisher stets eingehalten hat. Trotz all der Daten und Fakten, der Überwachung und der Algorithmen eines überbordenden Fürsorgestaates, für den Freitag selbst steht, muss Freitag erkennen, dass Fehler passieren, wenn man sich zu stark an die Regeln hält. Das Optimum für Person und Gesellschaft ist nicht zwangsläufig das, was die Algorithmen vorschlagen. Freitags Eltern, seine Freundin Melanie und sein Kollege Gordon wissen dies längst, doch Freitag wirkt davon überfordert. Zusätzlich stellt Freitag fest, dass es Bereiche gibt, die komplett außerhalb der offiziellen Spielregeln zu liegen scheinen. Es ist diese Erkenntnis individueller Ohnmacht dem System gegenüber, in der „Die Optimierer“ dem „Prozess“ besonders nahekommt. Josef K. wunderte sich über seine Verhaftung: „K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte Friede, alle Gesetze bestanden aufrecht“. K. musste erkennen, dass dieser Rechtsstaat und die bekannten Gesetze nur die Oberfläche waren; dass es darüber Mächte gab, deren Zugriff er sich nicht entziehen, die er aber auch nicht erreichen konnte. Samson Freitag macht in „Die Optimierer“ ähnliche Erfahrungen, die aber zeitweise wie ungewollte Nebenfolgen der allgegenwärtigen Algorithmen wirken — oder: Pech.

Theresa Hannigs Roman zeigt, dass die Verheißungen schon heute verfügbarer Technik gepaart mit technokratischen Politikstilen selbst bei Einsehbarkeit der Daten durch die Betroffenen und Feedback-Möglichkeiten eine ähnlich kafkaeske Gesellschaft erschaffen können wie Kafka selbst es gezeigt hat — nur dass die Wirkung auf aus dem System herausfallende Menschen noch ungleich stärker wäre, da der Kontrast zwischen scheinbarer absoluter Transparenz dieser Gesellschaft und tatsächlicher individueller Ohnmacht so groß wäre: Wenn alles offen ausgebreitet liegt, und jeder alles sehen kann, dann ist man auch allen ausgeliefert. Mit dieser Erkenntnis könnte die Geschichte enden, sie wäre dann ein Kommentar zu den Gefahren des selbstgewählten Überwachungsstaates einer hochgradig vernetzten Gesellschaft. Doch das durchaus überraschende und recht befriedigende Ende des Romans deutet an, dass es beim gezeigten Status Quo wohl nicht bleiben wird.

Und tatsächlich erscheint im Juni 2019 die Fortsetzung von Hannigs Roman unter dem Titel „Die Unvollkommenen“ — zumindest auf Grundlage des Werbetexts des Verlags darf man durchaus gespannt sein, wie die Autorin die Geschichte weiterstrickt.

Die Optimierer
 - Theresa Hannig - Taschenbuch
Bildnachweis: Bastei Lübbe (Shop)

Theresa Hannigs Roman „Die Optimierer“ ist im Oktober 2017 bei Bastei Lübbe erschienen. Leif Randts Roman „Planet Magnon“ erschien schon 2015 bei Kiepenheuer & Witsch, als Taschenbuch 2017. Am 28. Juni 2019 erscheint Hannigs Roman „Die Unvollkommenen“.

Anmerkung: Diese Rezension habe ich zuerst in meinem Blog in der Community von freitag.de veröffentlicht. Anlässlich der baldigen Fortsetzung habe ich die Rezension hier erneut gepostet.