„Schreiben“ in Gesellschaft. Carolin Amlingers große „Soziologie literarischer Arbeit“

Heute kann ja echt jeder ein Buch schreiben“, hieß es noch lange nach der Wende bei uns zu Hause oft, kopfschüttelnd und aus vielerlei Gründen enttäuscht. Andererseits war da die Sehnsucht nach dem eigenen „Bestseller“. Zum Teil bezogen sich solche Aussagen auf die wahrgenommene Masse neuer Bücher und deren mitunter fragwürdige literarische Qualität (wie auch immer die definiert war). Aber es ging auch um die veränderte Rolle, die Schriftsteller*innen nun einnahmen.

Im „Leseland DDR“ erlaubte die herausgehobene Stellung einiger Autor*innen auch eine Vermittlerfunktion zwischen Einzelnen und Staat — wenn etwa durch einen Brief an eine angesehene Schriftstellerin eine Eingabe beim Staat mehr Gewicht erhielt und so der gewünschte Effekt früher oder stärker eintreten konnte (ich erinnere hier ein konkretes Beispiel aus unserer eigenen Familie).

Nach der Wende hingegen erschienen Schriftsteller*innen nun auch im Osten als das, was sie im Westen schon jahrzehntelang waren: als Teil einer Kulturindustrie, die nach kapitalistischen Gesetzen funktioniert. Ein Buch musste nicht mehr allein künstlerischen (oder ideologischen, wie man hinzufügen sollte) Ansprüchen genügen, sondern sich vor allem erstmal verkaufen können (oder der Verlag musste das zumindest annehmen), sonst wurde es nicht publiziert. „Jeder“ war damit in der Wahrnehmung des eingangs zitierten Satzes vor allem jede*r mit Verkaufstalent, während die literarische Qualität zweitrangig schien.

Inwieweit diese Wahrnehmung nach der Wende mehr persönliche Enttäuschung, Verbitterung vielleicht, darstellte, denn realistische Beschreibung der geänderten Verhältnisse, sei mal dahingestellt. Dass aber ohne die Macht über Produktionsmittel in einer kapitalistischen Gesellschaft kein Buch entstehen kann, das dann gelesen werden könnte, ist einer der Ausgangspunkte von Carolin Amlingers Dissertation „Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit“ (Suhrkamp, 2021, 800 S., 32,90 EUR).

Die Entwicklung des literarischen Marktes

Carolin Amlinger fragt im ersten Teil ihrer Arbeit, „wie es um den Status der Literatur in der modern-kapitalistischen Gesellschaft bestellt ist und wie die Gesellschaft der Literatur beschaffen ist“ (S. 51, Hervorh. i. O.). Dies untersucht Amlinger anhand des Literaturmarkts der Jahre 1871-1918, der Kulturindustrie 1948-1990 und schließlich der Zeit nach der Wende ab 1990, als sich die „Literatur zwischen Boom und Krise“ (Kapitelüberschrift) bewegte.

Die Auswahl der Zeiträume wird damit begründet, dass es sich jeweils um Zeiten des Umbruchs und in der Folge der Ungewissheiten handelte, was Produktionsweisen, „neuartig[e] Publikationsstrategien“ und „soziale Verwerfungen“ (ebd.) betraf. Explizit ausgeklammert werden die beiden deutschen Diktaturen. Amlinger weist darauf hin, dass sie keine durchgängige Literaturgeschichte bieten kann (S. 55) und „keinesfalls einer historischen Verdrängung Vorschub leisten [möchte]“ (ebd.).

Vor meinem zu Beginn geschilderten Hintergrund hätte ich eine kontrastive Darstellung vor allem der DDR-Zeit natürlich spannend gefunden, jedoch hätte Amlingers Arbeit dadurch eventuell den klaren Fokus auf die kapitalistische Gesellschaft verloren. Außerdem kann man im zweiten und dritten Teil des Buches dann doch einige Unterschiede erkennen, weil Amlinger diesen Kapiteln die Auswertung ihrer Befragungen von Schriftsteller*innen zugrundelegt.

„Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr, sie ist Fabrikarbeit, ist Gewerbe […]“

Wilhelm II., „Die wahre Kunst“, zit. n. amlinger 2021, S. 86

Von diesem Zitat des deutschen Kaisers Wilhelm II. aus dem Jahr 1901 — das neben der kaiserlichen Anmaßung, Kunst definieren zu wollen, erstmal auch die Beobachtung ausdrückt, dass Kunstwerke auf einmal zu einem Wirtschaftsgut werden –, bildet sich in einer äußerst lesenswerten Darstellung ein Bogen zur heutigen turbokapitalistischen, von Unternehmensberatungen geprägten Situation:

„Da guckt dich ein neues, großes Ungeheuer jeden Tag an […] Und dieses Ungeheuer ist ein Markt mit zwei gigantischen Glubschaugen, die mich fixieren und sagen: Hast du heute eine zweistellige Rendite mit den Projekten erwirtschaftet, die du verantwortest?“

ein befragter ehem. Lektor, in: Amlinger 2021, S. 314.

So wörtlich ein von Amlinger befragter ehemaliger leitender Lektor eines Verlages, und man möchte vermuten, er ist froh, dem Hamsterrad entkommen zu sein. Es sind Zitate wie dieses, die Amlingers sehr umfangreichem Werk Lebendigkeit verleihen und es auch für Nicht-Soziolog*innen greifbar machen.

Autor*in auf dem Markt

Die Befragung von Menschen des Literaturbetriebs, zuvorderst Schriftsteller*innen, prägt den zweiten und dritten Teil der Arbeit. Im zweiten Teil geht es um die Praxis literarischen Arbeitens, nämlich das Berufsbild Schriftsteller*in, den Literaturbetrieb und das Schreiben als solches. Im dritten Teil werden die Spannungsfelder von Autorschaft und Autonomie ausgelotet. Die zahlreichen Unterkapitel dieser Teile stellen jeweils einen Aspekt in den Vordergrund, beispielsweise die Schritte des Schreibprozesses, das Problem prekärer Einkommensverhältnisse und sozialer Absicherung (das beileibe nicht nur unbekannte Nachwuchsautor*innen haben), oder der Inszenierung von Autorschaft durch die Autor*innen.

Methodisch nutzt Amlinger das episodische Interview als eine Form qualitativer empirischer Sozialforschung. Das Vorgehen wird im Anhang kurz skizziert und reflektiert, drängt sich aber sonst nicht in den Vordergrund; ich vermute, dass sich die Aufteilung und Benennung der Unterkapitel im Wesentlichen an der Kodierung mit MAXQDA und den dabei ermittelten Kategorien orientiert.

In deren Zusammenschau ergibt sich ein vielschichtiges Bild der Praxis des professionellen Schreibens — eine Praxis, die immer vor dem Hintergrund der kapitalistischen Marktwirtschaft stattfindet bzw. diese zu berücksichtigen hat. Auch Konkurrenzdruck und die Angst vor dem ‚Abgehängt werden‘ gehören dazu:

„Die haben am Anfang Preise bekommen, wurden gehypt, mit 30, 35 oder so, und dann mit 50 will kein Mensch mehr was von ihnen drucken, sie kriegen keine Stipendien mehr. Sie leben von Hartz IV. Das muss man so sagen.“

Eine befragte Autorin, In: Amlinger 2021, S. 390.

Letztlich geht es dabei um „Innvoation“. Diese, so Amlinger, „ist für das ästhetische Wirtschaften konstitutiv. Autor:innen konkurrieren […] um Aufmerksamkeit, indem sie eine distinkte Position einnehmen — um sich damit von dem Alten oder eben dem Neuen abzugrenzen“ (S. 390). Das Generieren von Aufmerksamkeit ist für die Identität als Autor*in entscheidend. Denn „[d]er Anspruch auf Autorschaft ist eng verwoben mit Akten des Anerkennens“ (S. 570). Ohne Aufmerksamkeit gibt es keine Chance auf Anerkennung, und wenn Anerkennung dauerhaft ausbleibt, wird die Identität als Autor*in prekär.

Aus dieser Perspektive muss man Inszenierungsstrategien sehen, die ebenfalls zum Problem werden können. Gerade in heutigen sozialen Medien wird das Authentische gesucht — man denke an den perfekten Instagram-Schnappschuss, der scheinbar spontan wirkt, aber vor dem es in Wahrheit zahlreiche misslungene Versuche gab. Echtheit wird gesucht, aber gerade nicht präsentiert. „So wie das Schreiben ein Ausdruck künstlerischer Subjektivität ist, soll auch die öffentliche Darstellung echt und unverfälscht wirken“ (S. 596). Aber „[i]ndem das Authentische mit einem Zwang zu ‚Neuem‘ und ‚Jungen‘ zu einer Anforderung medialer Öffentlichkeit erhoben wird, verkehrt es sich in sein Gegenteil: das ‚Klischee'“ (S. 597).

Es wird deutlich, dass es alles andere als leicht ist, die eigene Identität als Autor*in zu finden und zu bewahren — vor dem wirtschaftlichen Zwang, für einen Markt zu produzieren, sich für den Markt zu inszenieren und dabei oft materielle Existenznöte zu haben, denn bezahlt wird man eben nur, wenn man regelmäßig Neues abliefert. Gelingt dies nicht, ist die Autor*in-Identität gefährdet, wie in folgendem Beispiel:

„Nachdem sie nach einer längeren Krankheit ihre Ersparnisse […] aufgebraucht hatte, war sie nicht nur angewiesen auf Arbeitslosengeld II, sondern befand sich auch in einer beruflichen Krise: Ein längerfristiges Buchprojekt zu planen, konnte sie sich schlicht nicht leisten, sie brauchte Geld — und das sofort.“

S. 632.

Die Autorin konnte es sich also nicht leisten, ihrer Arbeit nachzugehen. Solche Aussagen zur wirtschaftlichen Situation von Autor*innen sind traurig und ernüchternd, auch wenn sie sicher nicht völlig überraschen können.

Über die individuellen Bearbeitungsweisen solcher und weiterer Herausforderungen zu lesen, ist hochspannend. Und (um zum Anfang dieses Artikels zurückzukommen), vielleicht kann zwar „heute ja echt jeder ein Buch schreiben“, aber über das Bestehen vor dem Markt ist damit nichts gesagt — zumindest vor dem traditionellen Literaturmarkt und den ihm verbundenen Institutionen (Wettbewerbe, Stipendien, Feuilleton, usw.). (Dass es daneben auch den Bereich des Self-Publishings gibt, der traditionell nicht anerkannt ist, aber ggf. eigene Formen der Anerkennung entwickelt, zeigt Amlinger in einem eigenen Kapitel.)

Fazit

Carolin Amlinger hat eines der interessantesten soziologischen Bücher der letzten Zeit geschrieben. Die zahlreichen Ungewissheiten unserer Gesellschaft, die bei den ‚großen‘ deutschsprachigen Soziologen der letzten Jahre (etwa Hartmut Rosa / „Resonanz“; Andreas Reckwitz / „Die Gesellschaft der Singularitäten“; Armin Nassehi / „Muster“ und „Unbehagen“) immer etwas abstrakt bleiben, werden durch Amlingers umfassende qualitative Untersuchung eines Teilsystems sehr konkret — eines Teilsystems zumal, zu dem viele von uns direkten Bezug haben, als Leser*in, als Fan, als Literaturwissenschaftler*in, und vielleicht selbst als Schreibende*r.


(Titelbild: Shuang Li / Shutterstock.com)

Das Privileg des Analogen

Auf Grundlage einiger früherer Skizzen (u.a. 2019 zum Zeitunglesen, so richtig auf Papier, an den Orten, wo diese Zeitungen erscheinen) und Beobachtungen im Alltag habe ich ein neues Schreibprojekt begonnen, in dem ich mich mit dem „Privileg des Analogen“ (als scheinbarer Kontrast zum „Digitalen“) auseinandersetzen will. Ich weiß noch nicht genau, ob das eine Artikelsammlung wird, oder ein neuer Band der Über/Strom-Reihe, oder noch was anderes, aber auf jeden Fall treibt mich das Thema jetzt schon lange um.

Der Grundgedanke ist, dass digitale Medien sowie digital umgesetzte Arbeits- und Lernszenarien einerseits Teilhabemöglichkeiten bieten, die rein analoge Formen nicht haben – dass das Analoge dabei aber noch mehr als vielleicht früher schon zu einem Privileg, vielleicht einem Luxus, wird. Im 2. Coronajahr 2021 erlebe ich dieses Spannungsfeld gleich mehrfach.

Beispiel Wissenschaft: Aus dem gesellschaftlichen Teilsystem Wissenschaft bin ich seit 2015 eigentlich raus (und in Hinblick auf #IchBinHanna möchte ich fast sagen: Gott sei dank), insofern ich seitdem keine institutionelle Zugehörigkeit mehr zu einer Hochschule habe und auch nicht mehr gesucht habe. Stattdessen arbeite ich in verschiedenen Zusammenhängen, 25 h/Woche unbefristet angestellt, Rest der Zeit tätig als „ich schreib so Texte“-Mensch aka „freier Autor“ von Sachtexten („Und, was machst du so?“). Ich werde nicht reich, aber meistens reicht es.

Die Themen meines Schreibens leiten sich zwar großteils aus meiner früheren wissenschaftlichen Tätigkeit her (Kommunikationswissenschaft; in mehr soziologischer und linguistischer Ausprägung, weniger medienwissenschaftlich). Meine Bücher richten sich aber an die Allgemeinheit oder an Praktiker*innen, die z.B. beruflich mit Softwareentwicklung oder technischem Kundendienst zu tun haben (da ist auch der Link zu meinem Angestelltenjob).

Jedoch habe ich in mir immer noch eine gewisse … wehmütige Sehnsucht nach nicht verwertungsgebundenem wissenschaftlichen Austausch. Ironisch sage ich manchmal, ich würde gerne mal ein Jahr lang einfach nur das Wortfeld „Baum“ erforschen. Oder sowas. Nur findet wissenschaftlicher Austausch halt nicht im Kundendienst statt und auch nicht beim Schreiben von Sachtexten, sondern, naja, im Teilsystem Wissenschaft. Daran zu partizipieren, setzt tradtionell nicht nur Zeit und Netzwerke voraus, sondern auch Geld. Denn zu Tagungen zu fahren (wo man Netzwerke knüpft), muss man bezahlen können. Wenn man keine Uni oder Firma hat, die das übernimmt, sieht’s düster aus. Und genau da war Corona dieses Jahr eine Möglichkeit, wieder Anknüpfungspunkte zu finden. Denn so schal das in sozialer Hinsicht auch ist: Viele Konferenzen wurden online durchgeführt und dabei auch die sonst oft hohen Teilnahmegebühren stark reduziert oder ganz fallengelassen. Auch Fahrt- und Übernachtungskosten entfielen. Und so sind es dieses Jahr drei Tagungen, an denen ich teilnahm/teilnehme (die letzte ist die Future and Reality of Gaming in Wien am 26./27.11., eine Games Studies-Tagung, wo ich auch selbst einen Beitrag vorstelle). Zu normalen Bedingungen wäre das weder zeitlich noch finanziell möglich gewesen, und insofern hat mir das Digitale einen länger beiseite geschobenen Teil meiner Identität zurückgebracht.

Man könnte jetzt sagen, dass das doch eher das Privileg des Digitalen ist. Ich kann ja eigentlich froh sein, dass mir das Internet eine Teilhabe an solchen Formen erlaubt. Aber das sind, wie erwähnt, Corona-Bedingungen und ich bin mir relativ sicher, dass beim Ende der Pandemie wieder mehr auf analoge Formen der Komunikation umgestellt wird. Und das ist gut so – mir tun junge Student*innen so so leid, die ihr Studium unter Corona-Bedingungen begonnen haben, jetzt endlich ein wenig Präsenzluft schnuppern konnten, aber nun sicher bald wieder (wo noch nicht geschehen) zurück in virtuelle Räume müssen. Aber dann werden eben auch wieder Zeit und Geld entscheidende Parameter sein, die eine Teilhabe ermöglichen oder ausschließen. Darum das Privileg des Analogen.

Ähnliche Beobachtungen mache ich in Bezug auf Medienkonsum (Kino vs. Stream, gedrucktes Buch vs. eBook, gedruckte Zeitungen vs. Paywall usw.), Spiele (Computerspiele vs. Brettspiele), Kundendienst (Menschen vs. Bots, Entscheidungsbefugnis vs. starre Prozesse), Einkaufen (online vs. Geschäft) usw. Ich habe nun vor, diese Beobachtungen jeweils zunächst zu beschreiben und dann gesellschaftlich einzuordnen (da ich nix anderes kann, vermutlich wieder vor systemtheoretischen Hintergründen). Wie genau, wird man dann sehen.

Geschichte(n) der Textverarbeitung: „Track Changes: A Literary History of Word Processing“ von Matthew G. Kirschenbaum (2016)

Nachdem ich im Dezember einen kleinen textverarbeitungstechnischen Retro-Anfall hatte, stieß ich auf eine sehr lesenswerte Literaturgeschichte der Textverarbeitung. Im 2016 erschienenen Buch „Track Changes: A Literary History of Word Processing“ zeichnet der US-amerikanische Autor und Englisch-Professor Matthew G. Kirschenbaum die Geschichte der Textverarbeitung am und mit dem Computer nach. In einer Mischung aus Anekdoten, kurzen Textauszügen und medientheoretischen Interpretationen wird deutlich, wie der PC als Schreibwerkzeug mal begeistert aufgenommen und mal als echte Bedrohung für literarische ‚Qualität‘ wahrgenommen wurde.

Die Auswahl der Autor*innen, die Kirschenbaum anführt, ist US-zentriert und entstammt recht oft dem Bereich der Phantastik (d.h. Science Fiction, Fantasy, Horror) — da darf natürlich der Verweis auf George R.R. Martins WordStar-Nutzung genausowenig fehlen wie Stephen Kings jahrelanges Festhalten an einem Anfang der 1980er herausgekommenen Textverarbeitungssystem des Herstellers Wang. Es ist sehr interessant, die Meinungsäußerungen aus einer Ära zu lesen, als das Schreiben mit dem Computer noch als etwas sehr Neues und für viele Menschen auch sehr Aufregendes wahrgenommen wurde — im Gegensatz zur heutigen Welt, in der „Typing on Glass“ (so ein Kapitelname) dank überall verbreiteter Touchscreens gar nichts Besonderes mehr ist.

Glücklicherweise bleibt Kirschenbaum nicht beim bloßen chronologischen Erzählen stehen, sondern streut an passenden Stellen auch medientheoretische Perspektiven ein. Die wichtige EXECUTE-(ausführen)-Taste an Stephen Kings Wang-Textprozessor etwa wird von Kirschenbaum mit Walter J. Ongs Konzept der sekundären Oralität der digitalen Kommunikation in Verbindung gebracht:

Computers thus make the written word actionable. EXECUTE was the juice, the lightning, the scroll in the forehead of the golem (to invoke the old Jewish legend).

Matthew G. Kirschenbaum, Track Changes, 2016, S. 79.

Wenn Textverarbeitung ins Spiel kommt, handelt es sich bei Wörtern nicht mehr um Signifikanten, sondern um etwas Ausführbares, wie Kirschenbaum mit Friedrich Kittler darstellt. Kittler hatte darauf hingewiesen, dass der Name des in den Achtzigern beliebten Textprogramms WordPerfect zu lang war, um ihn bei der damals unter MS-DOS geltenden Längenbegrenzung für Dateinamen auszuschreiben, was angesichts der im Namen versprochenen Perfektion sehr ironisch war:

For Kittler, word processing marked a definitive break with prior writing technologies because words stopped being mere signifiers and become executables instead: „Surely tapping the letter sequence of W, P, and Enter on [a] keyboard does not make the Word perfect, but this simple writing act starts the execution of WordPerfect.“

Ebd., S. 48.

Man musste also den Programmnamen abkürzen, um WordPerfect zu starten. Doch WP einzutippen, sorgte nicht für perfekte Wörter, oder bedeutungsvolle Worte, sondern führte einfach das Programm aus. Kurz und knapp fällt der Startbefehl WP aus, eine unbeabsichtigte Erinnerung an die plötzliche Effizienz des Schreibens, die viele Autor*innen bei ihrem ersten Kontakt mit einer Textverarbeitung mal erschrocken, mal begeistert bemerkten (vor allem im Vergleich zur Linearität der Schreibmaschine).

Stephen King und John Updike waren fasziniert vom Gedanken, durch Schreiben Wirklichkeit zu verändern. King veröffentlichte 1983 in der Zeitschrift Playboy eine Geschichte namens „The Word Processor“, in der der Protagonist Richard (Lehrer und eher erfolgloser Autor) mit der Löschen-Taste (DELETE) seines Computers rumspielt — und so nach Belieben manche Personen aus Richards echter Welt einfach löscht, während er andere einfügt (INSERT). Ebenfalls 1983 veröffentlichte John Updike das Gedicht INVALID.KEYSTROKE. In der zweiten Stophe klingt auch bei Updike die Faszination für die Macht des Schreibens/Ausführens an:

Your.cursor–tiny.blinking.sun–

Stands.ready.to.erase.or.run

At.my.COMMAND.to.EXECUTE

Or.CANCEL:.which? The.choice.is.moot.

Ebd., S. 85.

Die Alltagserfahrung von Autor*innen in ihrer Zeit mit der neuen Technologie wurde von ihnen literarisch verarbeitet, selbst wenn das mal nur im Titel eines Gedichts explizit wird, wie in Patricia Freed Ackermans „Poem Written at Work on a Wang Word Processor Sometime in the Afternoon Wanting to Leave“ (S. 143), ein Gedicht, das am Arbeitsplatz einer Sekretärin oder Schreibkraft entstand, die viel lieber woanders sein mochte:

In an ideal world

I would sit by a clear

lake an occasional

sailboat would

flutter by an

occasional butterfly fan

Ebd., S. 143.

Ein See mit Segelboot und Schmetterlingen, größer kann man sich den Kontrast zu einem Computerarbeitsplatz der frühen Achtziger kaum vorstellen. Aber, so Kirschenbaum, die Dichterin ist gefangen, „bound by her job, compelled to remain at the keyboard even if there is no work to be done“ (S. 144). Der Mensch selbst wird hier zur Maschine: „Like the word processor, she must be constantly ready, available, on call — on-line“ (ebd.) Das Textverarbeitungssystem sei eine Prothese, eine Erweiterung der Identität der Dichterin. Womit wir wiederum an Marshall McLuhan denken können.

Kirschenbaums insgesamt recht kurzweiliges Buch wird immer dann am spannendsten, wenn, wie in diesem Beispiel, historische Darstellung, Medientheorie und literarische Texte zusammenkommen.

„Track Changes: A Literary History of Word Processing“ von Matthew G. Kirschenbaum erschien 2016 bei The Belknap Press of Harvard University Press; eine deutschsprachige Ausgabe gibt es nicht.

Titelbild: Fathromi Ramdlon / pixabay.com

Schreiben wie früher: WordStar, TP und WordPro

Jede*r Autor*in hat wohl Lieblingswerkzeuge — Stifte, Notizbücher, Schreibmaschinen, Computer und entsprechende Textverarbeitungsprogramme. Bei berühmten Autor*innen, wie George R.R. Martin (Das Lied von Eis und Feuer bzw. Game of Thrones) oder William Gibson (Neuromancer), gehört es zum Image, dass sie ihre Vorliebe für veraltete Technik herausstellen. Gibson schrieb Neuromancer auf einer 1927 gebauten Schreibmaschine. Und Martin erklärte noch 2014, dass er seine — immerhin äußerst umfangreichen — Fantasy-Romane auf einem uralten PC aus den 1980ern verfasst, was einige Wellen im Internet schlug. Martin setzt WordStar ein, eine heute längst nicht mehr erhältliche, aber bis Anfang der Neunziger sehr beliebte Textverarbeitung. Auch andere Schreiber*innen, wie Michael Chabon oder Anne Rice, konnten sich nur schwer zu neuerer Software durchringen.

Intuitives Schreiben statt sich nach Maschinenlogik richten

Der kanadische Science-Fiction-Autor Robert J. Sawyer hat die Vorliebe für WordStar einmal damit begründet, dass bei diesem Programm der Schreibprozess im Vordergrund stünde, während spätere Programme, wie WordPerfect oder Microsoft Word, die Nutzer*innen zwingen würden, sich der Logik des Programms zu unterwerfen. Sawyer erklärte das am Beispiel Copy & Paste: Bis heute hat sich durchgesetzt, dass wir einen auszuschneidenden oder zu kopierenden Textblock von Anfang bis Ende markieren, dann die Aktion (ausschneiden oder kopieren) wählen, dann den Cursor an die Zielposition verschieben und den Block dort einfügen.

Dies hat nach Sawyer zwei gravierende Nachteile: Erstens sind wir nach Abschluss der Prozedur nicht mehr an der Stelle, wo wir vorher waren, was den Gedanken- und Schreibfluss unterbricht. Zweitens muss der ganze Vorgang in einem Rutsch durchgeführt werden, was uns zwingt, genau zu wissen, was wir wohin kopieren oder verschieben wollen. Was aber, wenn wir zwar intuitiv ahnen, dass wir den gerade aktuellen Textblock eventuell irgendwo hin verschieben wollen, aber noch nicht genau wissen, wo der Block enden wird und wohin er am Ende soll? Da wäre es doch schön, den Block zwar schon mal zu markieren, aber ansonsten erstmal abzuwarten.

WordStar 3.0 sieht aus heutiger Sicht sehr unintuitiv aus, aber das liegt vor allem daran, dass wir an grafische Icons und Mausbedienung gewöhnt sind. Da alle wichtigen Tastaturbefehle stehts eingeblendet sein konnten, gewöhnte man sich schnell an die wichtigsten und konnte dann sehr effizient auch an längeren Texten arbeiten. (Bild: Wikipedia)

In Word & Co. lässt sich so eine Offenheit nicht umsetzen, da herrscht die binäre Logik des Computers, in der es nur Entweder-oder gibt. Entweder du schreibst, oder du markierst und kopierst bzw. verschiebst. Beide Prozesse (Sawyer spricht vom Modus der Komposition einerseits und dem Modus des Überarbeitens andererseits) sind getrennt. Sie intuitiv vermischen, das wollen vielleicht spinnerte Schriftsteller*innen, aber doch keine rational denkenden Computeruser, die sich doch bitte schön so verhalten sollten, wie es Aufgabenmodelle in der Softwareentwicklung vorsehen! Allein, im viel älteren WordStar ging das problemlos. Blöcke wurden einfach am Anfang und Ende mit sichtbaren Sonderzeichen markiert, und die Markierung blieb so lange bestehen, bis sie (vielleicht) gebraucht wurde. Es konnten sogar mehrere Blöcke markiert sein. Für Sawyer kommt dies dem handschriftlichen Entwerfen und Überarbeiten näher als die Konzepte anderer Programme.

Textprogramme in der DDR

Ich selbst bin mit WordStar über Umwege in Kontakt gekommen. Kurz nach der Wende, als ich noch Teenager war, hatte ich das Glück, einen nicht mehr benötigten DDR-Computer namens „Kleincomputer KC85/3“ zum Geburtstag zu bekommen. Mindestens bis 1996 oder 97 nutzte ich das Gerät sehr intensiv, was sich noch verstärkte, als ich dazu ein Diskettenlaufwerk bekam (vorher konnte ich nur auf Musikkassetten speichern).

Kleincomputer KC85/4. Ich hatte das äußerlich fast gleiche, aber etwas schwächere Modell KC85/3. (Bild: Wikipedia)

Zu dem Diskettenlaufwerk gehörte auch ein komplett anderes Betriebssystem: MicroDOS. Das war die KC85-Variante von SCP. SCP wiederum war ein DDR-Nachbau des amerikanischen Betriebssystems CP/M. Daher war es für die Softwareverfügbarkeit zu DDR- Zeiten ein leichtes, auch entsprechende Programme des „Klassenfeindes“ zu beschaffen und für eigene Zwecke anzupassen. Und so wurde aus WordStar das vom Staatsbetrieb Robotron illegal auf Deutsch übersetzte TP (TextProgramm). Als TPKC landete es auf meinem kleinen Computer. TPKC war die erste kommerzielle Bürosoftware, die ich je verwendet habe, wenn auch viele Jahre „zu spät“.

In der DDR war das Textprogramm „TP“ verbreitet, hier in der Variante TPKC für den Kleincomputer KC85. Schon am Menüaufbau und den dort gezeigten Tastenkombinationen ist zu erkennen, dass TP eine Kopie des westlichen WordStar war. Erlaubt war das nicht. Das Bild zeigt den Emulator JKCEMU, mit dem man zahlreiche DDR-Heimcomputer nachstellen kann; den Text im Bild habe ich getippt.

Zum richtigen Schreiben — neben Hausaufgaben waren das vor allem recht nihilistische Weltschmerzgeschichten, wie sie im Jugendalter wohl häufiger vorkommen — benutzte ich aber eine andere Software: WordPro. Das war eine echte DDR-Eigenentwicklung. Sie wurde vom Vater-Sohn-Gespann Klaus und Stefan Schlenzig programmiert und 1986 in Buchform verbreitet.

WordPro in seiner ursprünglichen Version, die 1986 in Buchform verbreitet wurde. Den seitenlangen Maschinencode in Hexdump-Form musste man selbst abtippen. Trotz des Aufwands verbreitete sich das Programm und führte zu zahlreichen Folgeversionen.

Ich entdeckte das Buch in der Stadtbibliothek der Kleinstadt, in der ich wohnte, und wo ich mir ständig irgendwelche Computersach- und Fachbücher auslieh. Dass auch umfangreichere Programme als abgedruckte Quelltexte zum Abtippen verbreitet wurden, war in den Homecomputer-Szenen in Ost wie West nicht ungewöhnlich. WordPro jedoch lag als reiner Maschinencode vor — viele Seiten untereinander gedruckte Hexadezimalzahlen, nicht mehr als ein 1:1-Speicherabzug jedes einzelnen Bytes, die in ihrem Zusammenspiel das Programm bildeten.

Lange überlegte ich, ob ich den Aufwand wirklich auf mich nehmen wollte, aber das Programm klang toll und es hatte sogar hübsche Icons in seinem Ein-/Ausgabemenü. Also setzte ich mich eines vormittags wirklich hin und tippte alles ab, eine sehr meditative Wochenendbeschäftigung, die ich damals noch ganz ohne Kaffee absolvieren konnte. Computeraffine Mitschüler waren zu jener Zeit längst mit modernen PCs ausgestattet und hatten derlei Aufwand nicht nötig, aber ich mochte meinen KC und brauchte damals auch nichts anderes. Tatsächlich hatte ich abends eine funktionsfähige WordPro- Kopie, die ich schnellstens auf Kassette abspeicherte.

Nach stundenlangem Abtippen von hexadezimalen Codes war es geschafft: Das per Buch „kopierte“ Programm startete und funktionierte in den folgenden Jahren problemlos. Ich weiß bis heute nicht, ob ich beim Abtippen nicht doch irgendwo Tippfehler gemacht habe; gemerkt habe ich jedenfalls nichts davon.

Das Besondere an WordPro war, dass es (zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung) erstmals erlaubte, 80 Zeichen in 30 Zeilen auf dem KC-Bildschirm darzustellen — also die komplette Breite einer normalen Textseite. Normalerweise wurden (wie auf dem westlichen Commodore C64) nur 40 Zeichen dargestellt, vermutlich, weil das beim Anschluss des KC an ein Fernsehgerät mittels Antennenkabel besser lesbar war. Ernsthafte Textverarbeitung war so aber kaum möglich; zwar gab es dafür das von Horst Völz entwickelte Programm TEXOR, das im 40-Zeichen-Modus arbeitete und viele grundlegende Funktionen besaß, aber man konnte einfach nicht gut erkennen, wie der gedruckte Text am Ende aussehen würde.

TEXOR (hier im Emulator) wurde extra für die Kleincomputer-Serie entwickelt; es war auf die normalerweise nur 40 Zeichen/Zeile zeigende Darstellung abgestimmt. Die Texterstellung und -bearbeitung war damit durchaus machbar, aber es war schwer, das Druckbild einzuschätzen. Das ging mit WordPro besser.

Mit WordPro ging das, und so machte das Schreiben am KC richtig Spaß. Offenbar fanden das auch andere, denn wie ich Jahre später in der KC-Emulatorszene im Internet merkte, gab es vom originalen WordPro zahlreiche Varianten, die es um neue Features ergänzten. Am ausgereiftesten war am Ende WordPro 6 von Mario Leubner, das bis 2000 kommerziell vertrieben wurde und seitdem Freeware ist; das letzte Update gab es immerhin noch 2007.

Im Retrofieber: WordPro für ablenkungsfreies Schreiben

Diesen Artikel, den Sie gerade lesen, schreibe ich auf einem emulierten KC85 unter WordPro 6. Der Emulator heißt KC85EMU und läuft selbst wiederum nur unter DOSBox (diese verschachtelte Emulation — der echte Computer emuliert einen MS-DOS-PC, und der emuliert den KC85 — wäre fast selbst einen Artikel wert …) Obwohl das aus heutiger Sicht alles sehr pixelig aussieht (die Bildschirmauflösung des KC beträgt 320×256 und ist im Emulator auf 1024×768 hochskaliert), schreibt es sich sehr gut. Heute gibt es Programme wie FocusWriter oder Online-Dienste wie Writer, die ablenkungsfreies Schreiben ermöglichen, aber eigentlich mache ich hier gerade nichts anderes. Mit so alter Software ist Schreiben immer ablenkungsfrei. Es geht ja gar nicht anders.

Der echte Computer, auf dem der KC-Emulator letztlich läuft, ist ein ThinkPad T420 (2011). Den Laptop habe ich mir vor ein paar Jahren gebraucht und aufbereitet gekauft. Mit seinem matten Bildschirm und seiner wirklich tollen Tastatur ist er ohnehin ein hervorragendes Schreibgerät, und ich überlege gerade ernsthaft, ob ich die Kombination aus ThinkPad und KC-Emulator mit WordPro eine Weile so beibehalte, um die Artikel für Über/Strom zu schreiben, auf altmodische Weise, wie zu meiner Jugend. Großen Aufwand bereitet das nicht, und das Problem des Datenaustauschs ist offensichtlich lösbar (sonst wäre dieser Text nicht im Blog sichtbar). Den Text kann man als .txt speichern und auch wieder laden. Auf dem PC muss man nur darauf achten, die alte DOS-Zeichenkodierung OEM 850 einzustellen, damit Umlaute und Sonderzeichen richtig übernommen werden. Alternativ ist auch virtuelles Ausdrucken als .rtf-Datei möglich. Die lässt sich dann in jedem modernen Textprogramm öffnen. Dabei bleiben auch Formatierungen (fett, unterstrichen, usw.) erhalten.

Erst Jahre nach meiner aktiven KC-Nutzungszeit entdeckte ich im Internet, dass es WordPro bis zu einer Version 6 gebracht hatte und einem letzten Update, das erst 2007 erschien. Im Vergleich zur alten „Buchversion“ aus 1986 war die Texteingabe komfortabler und eine einblendbare Hilfeseite fasste die wichtigsten Tastaturbefehle zusammen. Diesen ganzen Artikel, den Sie gerade lesen, habe ich mit WordPro 6 geschrieben — freilich in einem Emulator — und anschließend in Windows und schließlich WordPress importiert.

Fazit

WordStar, bzw. seine DDR-Variante TP, habe ich damals erst nach WordPro kennengelernt. Wie erwähnt, war die Verbreitung von TP nach internationalen Maßstäben nicht erlaubt, weil es eine modifizierte unlizenzierte Kopie von WordStar war. Ähnliches geschah auch mit anderer westlicher Software: Aus der Datenbank dBase wurde REDABAS, aus dem Betriebssystem MS-DOS wurde DCP, aus CP/M SCP. Naja, und der Prozessor fast aller Ostcomputer, der U880, war ebenfalls eine illegale Kopie des westlichen Z80.

Das Betriebssystem des KC85 hingegen (es trug den Namen CAOS, was für Cassette-Aided Operation System oder kassettengestütztes Betriebssystem stand) war eine eigene Entwicklung und mit seinem menübasierten Aufbau meiner Meinung nach komfortabler als der westliche C64 (der direkt in die Programmiersprache BASIC startete).

Aber vor allem Programme wie WordPro zeigten, dass es zwar vielleicht aus staatlicher Sicht effizient (oder „rationell“, wie es in der DDR-Literatur zum Computereinsatz oft hieß) war, Westsoftware wie WordStar zu kopieren, dass sich aber die Programmierer(*innen?) mit ihren eigenen Ideen und Produkten nicht verstecken brauchten.

(Titelbild: tookapic / Pixabay.com)

Über Schreiborte

Über/Strom ist, wie öfter erwähnt, vor allem eine Buchreihe. Während sich Band 1 zum Thema zwischenmenschliche Kommunikation im Internet gerade in der Herstellung durch den Verlag befindet, habe ich nun mit Band 2 begonnen: Über die Frage, was wir eigentlich aus Spielen über das Leben lernen können, und zwar nicht in Hinblick auf irgendwelche — in letzter Instanz ökonomisch — verwertbaren Kompetenzen oder irgendwelches Faktenwissen, sondern bezogen auf so ‚weiche‘ Themen wie unsere Wahrnehmung, Kreativität, unser Verhältnis zur Umwelt, und auch unsere Erwartungen und Vorurteile.

Meine bisherigen Bücher und längeren Essays (wie etwa die sechsteilige Head Canon-Reihe oder das Buch über Virtual Reality, beide sind hier verlinkt) habe ich an den unterschiedlichsten Orten verfasst. In meinem persönlichen Blog hatte ich vor zwei Jahren auch schon mal etwas dazu gesagt. Das Folgende ist ein Update des damaligen Artikels.

Der eigene Schreibtisch

Ich finde es immer sehr schön, wenn in Feuilletons und Magazin-Beilagen zu großen Tageszeitungen die Schreibtische bekannter Schriftsteller, Wissenschaftler, Architekten, Künstler usw. gezeigt werden. Vorhin habe ich sowas mal wieder in einem (sehr lesens- und sehenswerten) Artikel im T Magazine über den japanischen Architekten Kengo Kuma gesehen. Sowas erhebt Anspruch auf Authentizität, wird aber eher eine Inszenierung sein. Mein Schreibtisch steht im Arbeitszimmer, das ich mir mit meiner Frau teile — in einer Ecke des Raumes steht ihrer, in der diagonal gegenüberliegenden Ecke meiner. Wenn ich aber jetzt darüber nachdenke, dann merke ich, dass dort nur Texte entstehen, die mit Flugsimulation zu tun haben: technische Handbücher, Workshops und Rezensionen für das FS MAGAZIN (das ist eine Fachzeitschrift für Flugsimulation), usw. Liegt sicherlich daran, dass dort auch der Computer steht, auf dem die Simulationen laufen und teilweise entwickelt werden.

Der Couchtisch

Viele Texte entstehen in unserem Wohnbereich, auf dem Sofa, an einem vollkommen unergonomischen Couchtisch, auf mehr oder weniger alten Laptops. Ein gebrauchtes ThinkPad ist da mein liebstes Schreibgerät. Meist liegen dann irgendwelche Stapel von Fachliteratur verstreut auf dem Fußboden und auf dem Sofa. Im Fernsehen laufen Columbo, Bares für Rares, u.ä., oder (wenn ich mich vor mir selbst als intellektuell inszenieren will/muss), im Radio der Deutschlandfunk Kultur. Was gar nicht funktioniert: bewusstes Musik hören von CDs oder MP3s. Erstens taktet sich dadurch die Zeit (da ich ja weiß, wie lang einzelne Lieder oder ganze Alben sind), wodurch das Versinken im Schreibprozess erschwert wird, und zweitens wende ich mich quasi automatisch dem aktiven Zuhören zu anstatt es nur Hintergrundberieselung ist.

Im „Retreat“ anderswo

Manchmal habe ich den Luxus, woanders zu sein, komplett losgelöst von der normalen Umgebung. Oft saß ich schon an einem Tresen in der, hm, Wohnküche meiner Über/Strom-Co-Herausgeberin und Autorin Uta und schaute dabei auf die leicht hügelige Landschaft südlich von Rostock. Die klare Inneneinrichtung dieses Raumes und der ländliche Eindruck draußen haben sich schon mehrfach als sehr hilfreich beim Exzerpieren, Denken und Schreiben erwiesen. Zentrale Kapitel meines Buchs zu virtueller Realität sind hier entstanden, und der eine oder andere Vortrag.

Ein ähnlich wirkungsvoller Rückzugsort ist das Ferienhaus „Haus Rehblick“ im Schwarzwald, das eigentlich zum FS MAGAZIN gehört, in dem ich aber ebenfalls kommunikations- und medientheoretische Sachen geschrieben habe.

Und ein letzter Ort sei wehmütig erwähnt: Vor, ich glaube, sechs oder sieben Jahren war ich auf einer Tagung im Zentrum für Interdisziplinäre Forschung in Bielefeld, wozu auch eigene Unterkünfte gehörten. Ich weiß nicht, ob das heute immer noch so ist, aber damals waren das kleine, fast monastisch anmutende „Zellen“ mit Bett und großem Schreibtisch. Entscheidende Teile meiner Dissertation sind dort an nur zwei Tagen entstanden (was ganz passend war, wegen Bielefeld — Luhmann — usw.)

In Bahn und Café

Mit dem Zug unterwegs zu sein oder im Café zu sitzen, ist jeweils ein zweischneidiges Schwert. Entweder befördert es den Schreibvorgang mit jedem gefahrenen Kilometer oder jeder getrunkenen Tasse (in der früheren Version dieses Artikels noch koffeinfreien, aber darüber bin ich hinweg… ) Kaffees — oder es lullt mich ein in eine zuerst nachdenkliche, später gedankenlose Passivität. Beides kann hilfreich sein. Im ersten Fall entstehen meist ganz brauchbare Entwürfe für die eigentlichen Texte. Im zweiten Fall wird der Kopf frei und Ideen können sich unbewusst weiterentwickeln (oder ich bilde mir das ein).

Im Co-Working-Space

Bis auf den „Retreat“ haben alle bis hierher genannten Orte den Nachteil, dass sie entweder sehr viel Ablenkung bieten oder gar nicht immer verfügbar sind. Darum ist seit diesem Jahr ein weiterer Schreibort dazu gekommen: Ein Co-Working-Space im Magdeburger Stadtteil Stadtfeld, in einem schönen Altbau gelegen, mit hellen Räumen und hohen Decken. Dort habe ich jetzt tageweise einen Schreibtisch gemietet. Die Büros gehören zu einer Eventagentur und bieten zumindest derzeit noch viel Ruhe und Platz — und mir einen Grund, auch mal diesen generell sehr hübschen Teil Magdeburgs aufzusuchen, der mir sonst wegen einer gefühlt unendlichen Tunnelbaustelle sonst wie abgeschnitten vorkommt von meinem normalen Umfeld.

So sitze ich also gerade an diesem herrlich großen und fast leeren Schreibtisch, vor mir ein großes Fenster mit schönem Rundbogen, aus dem ich auf die Dächer Stadtfelds blicken kann. Bis auf ein paar Bilder und einige, hm, zugegeben etwas klischeehafte Motivationssprüche an den Wänden gibt es hier nichts, das vom Arbeiten ablenkt. Und wenn einem doch mal der Sinn nach anderen Menschen geht, finden sich immer mal wieder andere fleißige Leute hier. Insgesamt eine Atmosphäre, die mich an frühere Uni-Zeiten erinnert und mir gerade deshalb gerade sehr gefällt.

Das Manuskript für das eingangs erwähnte Buch muss ich Ende März abgeben. Bis dahin werde ich noch viel zwischen einigen der genannten Schreiborte hin und her wechseln. Ich bin mal gespannt, wer dieses Frühjahr mein Favorit wird.