Lesetipp: Wolfgang Ullrich über die Bilder der Kapitolbesetzung

In einem aktuellen Beitrag für den Bayerischen Rundfunk über die Erstürmung des US-Kapitols durch Trump-Anhänger hat Wolfgang Ullrich folgende, wie ich finde ziemlich geniale Beobachtung gemacht:

Vor lauter Begeisterung darüber, bei einer Revolution dabei zu sein, ist man von Anfang an so eifrig mit ihrer Dokumentation und mit dem Sammeln von Erinnerungsstücken beschäftigt, dass diese Revolution letztlich gar nicht mehr richtig stattfindet. Die Leute nehmen die Haltung von Veteranen oder von Geschichtstouristen ein, noch bevor die eigentliche Schlacht geschlagen ist.

Dies mag dazu verleiten, die Gefahr zu unterschätzen. Ullrich warnt davor, dass Protestler, die als Digital Natives mit Plattformen wie TikTok aufwachsen, nicht mehr vor diesem Problem stehen könnten. Er schreibt:

Sie werden darauf achten, dass bei einem nächsten Mal oder einem anderen Anlass vor Ort alles gut genug organisiert ist, um die vorhandenen Kräfte zu bündeln und um den online vorbereiteten Plot auch komplett umzusetzen.

Außerdem wird es schon bald mehr digital natives unter den Demonstranten geben […] Ihnen aber wird es keine Probleme mehr bereiten, gleichzeitig zu putschen und Bilder vom Putsch zu machen. Denn ihr Leben findet ohnehin fast durchwegs mit Kamera in der Hand statt

Mehr dazu im verlinkten Artikel sowie einem Interview mit Ullrich beim SWR.

"Smiley. Herzchen. Hashtag." Digitale zwischenmenschliche Kommunikation

„Haben Sie sich schon einmal darüber Gedanken gemacht, was passiert, wenn Sie Ihr Smartphone und Ihren Computer ausschalten? In welcher Welt leben Sie dann? Ist die Welt eine andere geworden? Vermissen Sie etwas? Was vermissen Sie?“ Dies ist nur eine der Fragen, die die Kommunikationswissenschaftlerin Uta Buttkewitz in ihrem neuen Buch „Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co.“ stellt.

Der Autorin geht es nicht darum, internetbasierte Kommunikation einfach nur als gut oder schlecht zu bewerten (gerade zurzeit, wo wir alle durch die Corona-Krise aus der Bahn geworfen sind, sind wohl alle ganz froh, dass wir zumindest über das Internet miteinander verbunden bleiben). Uta Buttkewitz möchte vor allem „den Wandel der Kommunikation im digitalen Zeitalter beschreiben und zeigen, dass sich dieser Wandel nicht isoliert vollzieht, sondern dass sich dadurch die Beziehungen zu unseren Mitmenschen verändern und auch die Entwicklung anderer gesellschaftlicher Bereiche davon nicht unberührt bleibt.“

In Form eines medientheoretischen Essays (in dem auch kurz ein Überblick über die Mediengeschichte gegeben wird) reflektiert Buttkewitz über die Doppelseitigkeit digitaler Kommunikation. Im ‚Kleinen‘ betrifft das etwa die Feststellung, dass das Telefon trotz aller neuen Technologien nicht verschwindet, wir aber trotzdem oft das Gefühl haben ‚zu stören‘, wenn wir spontan anrufen anstatt jemanden nur schriftlich zu kontaktieren. Im ‚Großen‘ geht es um den Eindruck, dass uns mit digitaler Kommunikation ein unendlicher Raum an Möglichkeiten offenliegt, dem aber die Endlichkeit unseres Lebens gegenübersteht. Eine Lösung für diese und weitere Konfliktfelder sieht die Autorin in der Zurückgewinnung einer gewissen „Lässigkeit“ im Umgang mit den Medien und unserem Leben, in der wir uns nicht der Aufmerksamkeitsökonomie vieler sozialer Medien unterwerfen, sondern auch gut damit zurechtkommen, einmal nichts zu posten.


Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram & Co.“ von Uta Buttkewitz ist jetzt bei Springer Fachmedien erschienen. Bei Amazon gibt es bereits die Kindle-Version; das gedruckte Buch ist voraussichtlich ab 21.04.2020 lieferbar. Das Buch ist der erste Band der Buchreihe „Über/Strom: Wegweiser durchs digitale Zeitalter“.

(Titelbild Blogeintrag: Tanja-Denise Schantz / pixabay.com)

„Smiley. Herzchen. Hashtag.“ Digitale zwischenmenschliche Kommunikation

„Haben Sie sich schon einmal darüber Gedanken gemacht, was passiert, wenn Sie Ihr Smartphone und Ihren Computer ausschalten? In welcher Welt leben Sie dann? Ist die Welt eine andere geworden? Vermissen Sie etwas? Was vermissen Sie?“ Dies ist nur eine der Fragen, die die Kommunikationswissenschaftlerin Uta Buttkewitz in ihrem neuen Buch „Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co.“ stellt.

Der Autorin geht es nicht darum, internetbasierte Kommunikation einfach nur als gut oder schlecht zu bewerten (gerade zurzeit, wo wir alle durch die Corona-Krise aus der Bahn geworfen sind, sind wohl alle ganz froh, dass wir zumindest über das Internet miteinander verbunden bleiben). Uta Buttkewitz möchte vor allem „den Wandel der Kommunikation im digitalen Zeitalter beschreiben und zeigen, dass sich dieser Wandel nicht isoliert vollzieht, sondern dass sich dadurch die Beziehungen zu unseren Mitmenschen verändern und auch die Entwicklung anderer gesellschaftlicher Bereiche davon nicht unberührt bleibt.“

In Form eines medientheoretischen Essays (in dem auch kurz ein Überblick über die Mediengeschichte gegeben wird) reflektiert Buttkewitz über die Doppelseitigkeit digitaler Kommunikation. Im ‚Kleinen‘ betrifft das etwa die Feststellung, dass das Telefon trotz aller neuen Technologien nicht verschwindet, wir aber trotzdem oft das Gefühl haben ‚zu stören‘, wenn wir spontan anrufen anstatt jemanden nur schriftlich zu kontaktieren. Im ‚Großen‘ geht es um den Eindruck, dass uns mit digitaler Kommunikation ein unendlicher Raum an Möglichkeiten offenliegt, dem aber die Endlichkeit unseres Lebens gegenübersteht. Eine Lösung für diese und weitere Konfliktfelder sieht die Autorin in der Zurückgewinnung einer gewissen „Lässigkeit“ im Umgang mit den Medien und unserem Leben, in der wir uns nicht der Aufmerksamkeitsökonomie vieler sozialer Medien unterwerfen, sondern auch gut damit zurechtkommen, einmal nichts zu posten.


Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram & Co.“ von Uta Buttkewitz ist jetzt bei Springer Fachmedien erschienen. Bei Amazon gibt es bereits die Kindle-Version; das gedruckte Buch ist voraussichtlich ab 21.04.2020 lieferbar. Das Buch ist der erste Band der Buchreihe „Über/Strom: Wegweiser durchs digitale Zeitalter“.

(Titelbild Blogeintrag: Tanja-Denise Schantz / pixabay.com)

Bernhard Pörksen über Medien und Corona

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat auf Zeit online einen sehr lesenswerten Essay über die Medien unserer Zeit und das Coronavirus geschrieben. Hier der Link:

https://www.zeit.de/kultur/2020-03/coronavirus-medien-internet-vernetzung-information-panik/komplettansicht

Traurigkeit im digitalen Zeitalter – Geert Lovink: Digitaler Nihilismus. Thesen zur dunklen Seite der Plattformen

Der niederländische Medientheoretiker und Netzkritiker Geert Lovink hat mit dem sechsten Band seiner Internetchroniken, „Digitaler Nihilismus“, ein Buch vorgelegt, das die Traurigkeit, die die Kommunikation durch soziale Medien auslöst, in den Mittelpunkt stellt. Lovink, Professor für Medientheorie an der European Graduate School, gehört zu den wenigen zeitgenössischen Geisteswissenschaftlern, die versuchen, das Forschungsfeld „Digitalisierung“ nicht den Ökonomen und Ingenieuren zu überlassen.

Lovink umkreist in seinem Text immer wieder das Motiv der Traurigkeit und der Melancholie, die durch das Internet erzeugt werden. Es ist gar nicht so einfach für mich, einen Kommentar zu seinem neuen Buch zu schreiben, weil ich mit den meisten seiner Thesen übereinstimme.  Auch für ihn gilt die „Entzauberung des Internets“ als beschlossene Sache: „Die fantastische Aura, die unsere geliebten Apps, Blogs und Sozialen Medien einst umgab, ist verblasst. Swipen, Sharen und Liken fühlen sich an wie seelenlose Routinen, leere Gesten.“

Geert Lovink nutzt auch den Begriff „Simulakrum“, der von Jean Baudrillard geprägt wurde, um zu verdeutlichen, dass unsere Welt keine Illusion ist, sondern die primäre Wirklichkeit zum „Simulakrum“ wurde. Während das Internet in seinen Anfängen die Möglichkeit bot, die reale Welt für einen Moment zu vergessen bzw. ihr zu entfliehen, sehnen wir uns nun immer häufiger nach der realen Welt zurück, um nach dem erschöpfenden „sozialen Netzwerken“ im Online-Status wieder Energie zu tanken. Lovink beschreibt, wie schwierig es ist, digital enthaltsam zu leben: „Die Tatsache, dass es weder einen Ausgang noch eine Fluchtmöglichkeit gibt, führt zu Angstzuständen, Burnout und Depressionen.“ Immer wieder schauen wir auf das Display unseres Smartphones – gedankenverloren, gelangweilt, um die Zeit totzuschlagen oder einfach als automatisierter Reflex. Und wenn wir das Smartphone ausgeschaltet haben, fühlen wir uns genauso trostlos wie vorher – enttäuscht von der Bedeutungsleere der Informationen und Textnachrichten.

Den sozialen Medien mangelt es laut Lovink an Geheimnissen und Überraschungen: „Es ist ihre kleingeistige, schäbige und hinterhältige Mentalität, die attackiert werden muss.“  Er fragt sich, warum wir uns freiwillig dem zeitlichen Rhythmus der Algorithmen unterwerfen, um in bestimmten Abständen „Neuigkeiten“ zu posten und auf der anderen Seite auch regelmäßig unser Smartphone auf neue Benachrichtigungen zu prüfen.

Wie oft kommt es vor, dass wir wirklich von einer Nachricht positiv überrascht und begeistert sind? Die „technologische Traurigkeit“, wie Lovink es nennt, entsteht dadurch, dass wir ständig von Systemen umgeben sind, die die „Zeitlosigkeit der Melancholie unterbrechen“ und selbst als vereinzelte, zerstreute und einsame Subjekte sind wir immer „(online) von anderen umgeben, die weiterplappern und nach unserer Aufmerksamkeit verlangen“. Die natürliche und „naive“ Kommunikation gebe es nicht mehr. Im Gegensatz zu Thomas E. Schmidt sieht Geert Lovink momentan kaum positive Seiten und Entwicklungen der sozialen Medien, sondern plädiert für einen nihilistischen Umgang mit ihnen. Dazu passend hat die legendäre Band Tocotronic in ihrem Lied „Sag alles ab“ aus dem Jahr 2007 die folgenden Zeilen formuliert:

Sag alles ab

Geh einfach weg

Halt die Maschine an

Frag nicht nach dem Zweck