Link: Verwählt zur Corona-Hotline (SZ)

Nochmal was zum Thema Hotlines: Die Süddeutsche Zeitung hat ein Interview mit einem pensionierten Münchener Richter geführt, dessen Telefonnummer der lokalen Corona-Hotline ähnelt. Bis zu drei falsch verbundene Anrufe pro Tag erhalte der 75jährige, erzählt er. Aber er nimmt es gelassen und es hätten sich auch schöne Gespräche entwickelt.

Renaissance des Festnetztelefons?

In ihrem Artikel „Bist Du noch da?“ auf ZEIT-Online beschreibt Carolin Würfel wunderbar erfrischend, wie sie momentan das Festnetztelefon und seine Vorteile wiederentdeckt. Bis vor kurzem hat sie keine Lust mehr zum Telefonieren gehabt, hat die meisten Anrufe bewusst nicht erwidert und nicht zurückgerufen oder ihre Anrufe nur unterwegs von ihrem Handy erledigt, um damit die Telefonate extra kurz halten zu können. Sie hatte ihr Festnetztelefon deaktiviert. Jetzt, ausgelöst durch die Corona-Krise, hat sie den Stecker wieder eingesteckt und genießt die herrlichen Belanglosigkeiten, die sie mit ihren Freund*innen und Anverwandten austauscht – ganz ohne Ziel, Effizienz und Zeitdruck – eben einfach zwischenmenschlich.

(Titelbild des Blogeintrags: Julieta Lach Julie auf Pixabay.com)

Seit 20 Jahren in der Matrix

In diesem Jahr feiern wir das 20jährige Jubiläum des Erscheinens des Kinofilms „Matrix“. Ich befand mich damals am Ende meines geisteswissenschaftlichen Studiums an der Universität Rostock, als wir innerhalb eines Seminars meines späteren Doktorvaters im Fach Germanistik den Film gesehen und im Anschluss in unserer Stammkneipe „Heumond“ darüber diskutiert haben. Obwohl ich nicht unbedingt eine geborene Cineastin bin und mich auch nicht so sehr für das Genre der Science-Fiction-Filme interessiere, hat mich der Film damals absolut gepackt. Ich habe mir nun die drei Filme, die damals kurz hintereinander erschienen, noch einmal angeschaut: „Matrix“, „Matrix Reloaded“ und „Matrix Revolutions“.

Es ist äußerst erhellend, die Filme aus heutiger Perspektive zu betrachten – in einer Zeit, in der das Internet enorm an Fahrt gewonnen hat und immer mehr zum Bestandteil des normalen Alltags eines jeden Menschen geworden ist. Die Filme haben mich immer noch genauso fasziniert wie vor 20 Jahren, und interessant ist dabei vor allen Dingen die Tatsache, wie aktuell die Filme immer noch sind und wie unglaublich hellsichtig die Filmemacher damals agierten.

Gleich in einer der ersten Szenen des Films „Matrix“ greift die Hauptfigur Neo (hervorragend gespielt von Keanu Reeves) zu dem Buch „Simulacres und Simulation“ des bekannten französischen Medientheoretikers Jean Baudrillard und verweist damit auf einen der bis heute wegweisendsten und scharfsinnigsten Medientheoretiker des 20. Jahrhunderts und seine Theorien und Modelle der Simulakren, die eine wesentliche Grundlage für den Plot des Films spielten.

Jean Baudrillard untersucht in seiner Simulationstheorie die Beziehung zwischen Gesellschaft und Realität mit einem besonderen Fokus auf die Massenmedien. Mit dem Begriff der Simulation bezeichnet Baudrillard die überhand nehmende Macht verselbständigter Zeichenprozesse seit Ausbreitung der technischen Medien. Er unterteilt die Simulakren (Trugbilder, Abbilder) in drei Ordnungen, wobei das Simulakrum erster Ordnung als Imitation der Natur zu verstehen ist, von Baudrillard in die Zeit der Renaissance verortet wird und damit die Opposition zum Realen aufrechterhält. Im nächsten Schritt besetzt das Simulakrum den Vorgang der Produktion und der identischen Reproduktion. Dieses Phänomen des Simulakrums zweiter Ordnung positioniert Baudrillard in das Zeitalter der industriellen Revolution. Beim Simulakrum dritter Ordnung wird die Repräsentation vollständig von Modellen und Codes verschlungen. Alles ist Teil der Simulation. Es findet eine Hyperrealisierung des Realen statt. Die Simulation generiert sich aus dem Realen ohne Ursprung oder Realität. Jean Baudrillard schreibt in seinem bekanntesten Werk „Der symbolische Tausch und der Tod“:

Jegliche Realität wird von der Hyperrealität des Codes und der Simulation aufgesogen. Anstelle des alten Realitätsprinzips beherrscht uns von nun an ein Simulationsprinzip. […] Es gibt keine Ideologie mehr, es gibt nur noch Simulakren.

Die Matrix-Trilogie bezieht sich vor allem auf Baudrillards Definitionen der Begriffe Simulation und Hyperrealität. Die Hauptfigur Neo gilt als Auserwählter, der die Menschen aus der Matrix, d. h. aus dem Software-Programm des so genannten Architekten befreien soll. In der Zeit, in der der Film spielt, existiert nur noch eine „reale“ Stadt Zion, die sich in der Erde selbst befindet. Ansonsten wird die Erde von einer Maschinenstadt kontrolliert. Im letzten Film „Matrix Revolutions“ schafft es Neo schließlich zur Maschinenstadt zu kommen und die Menschen von den Maschinen zu befreien. Es bleibt jedoch am Ende unklar, ob der Architekt nicht lediglich eine neue Matrix erschaffen hat und worin die Befreiung der Menschen genau besteht. Aber das spielt am Ende eigentlich auch keine große Rolle. Das Revolutionäre der Filme war es, am Beginn des digitalen Zeitalters darauf hinzuweisen, dass die Gefahr droht, dass die Menschen allmählich mit Maschinen, die sie selbst immer mehr mit künstlicher Intelligenz ausstatten, und der digitalen Technologie verschmelzen und dadurch den Blick auf ihre eigene Wirklichkeit verlieren könnten.

Die Maschinenstadt könnte als Metapher für das Silicon Valley stehen, das unsere heutige Welt scheinbar kontrolliert und ständig neue Programme installiert, die sich immer weiter multiplizieren – so wie der Agent Smith sich im Film auch ständig vervielfacht. Die Simulation bedeutet für Baudrillard keine Illusion, die früher oder später durch die Wirklichkeit aufgelöst wird, sondern sie ist etwas Irreales, das den Platz des Realen eingenommen hat, ohne dass es noch eine Differenz zwischen dem Wirklichen und der Simulation gibt. Im ersten Teil meines Aufsatzes „Eine Welt ohne Puls“ bin ich auf dieses Theorem von Baudrillard, das häufig missverstanden wird, auch schon einmal näher eingegangen. Das ist es auch, was Jean Baudrillard selbst an den Matrix-Filmen kritisiert hat, dass die Macher des Films (die Wachowskis) der Meinung sind, es gäbe im System der Welt selbst einen Verdacht, ein Simulakrum, das sich von der „guten“ bzw. eigentlichen Realität aufdecken und vernichten ließe. Aber dem ist nicht so. Im ersten Band der Reihe „Über/Strom. Wegweiser durchs digitale Zeitalter“ werde ich dieser Frage auch noch einmal genauer nachgehen.

Interessant ist auch die Schnittstelle, die es im Film zwischen der Matrix und der realen Welt und ihren Bewohnern gibt. Es ist das analoge Telefon, durch das die Helden des Films von der Matrix wieder in die reale, dunkle Welt zurück gelangen – ein  nach Marshall McLuhans Kategorisierung sehr kühles Medium, das auch im digitalen Zeitalter noch nicht zu verschwinden droht…eine Fortsetzung der Matrix-Filme könnte hier ansetzen.

7 aus dem Strom: KW19-20

Forschung und Diskussionen zu Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, veränderter Mediennutzung oder neuen technologischen Entwicklungen wirken wie ein endloser Strom mit vielen Abzweigungen. Einmal in der Woche verlinken wir sieben besonders interessante Neuigkeiten.

Die Möglichkeit, in Echtzeit gesprochene Sprache zu übersetzen, ist seit langem ein Traum vieler Science-Fiction-Autor*innen — sei es, eher satirisch, als Babelfisch in Douglas Adams Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“, oder ernstgemeint als „Universalübersetzer“ in „Star Trek“. Im Google AI Blog stellen die bei Google tätigen Ye Jia und Ron Weiss nun ihren „Translatotron“ vor. Statt gesprochene Sprache erst in Text umzuwandeln, der anschließend maschinell übersetzt und dann per Sprachausgabe quasi vorgelesen wird, nutzt das neue System Spektrogramme der Eingabe und generiert direkt Spektrogramme in der Zielsprache. Die klingt dabei sogar ähnlich wie die ursprünglichen Sprecher*innen. In dem Blogbeitrag sind mehrere Beispiele zu hören, weitere gibt es hier, wobei auch bewusst nicht so gut gelungene Übersetzungen präsentiert werden.


Neue Technologien orientieren sich an Formen, die wir kennen. Dies ist anfangs nötig, um sie möglichst problemlos nutzen zu können oder anfängliche Barrieren und Sorgen abzubauen. Im Interview in meinem jetzt als E-Book verfügbaren Buch „Die Unschuld der Maschinen“ sagt der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Sucharowski dazu: „Ein neuer Gegenstand muss mit etwas Bekanntem verbunden werden können, um mit ihm hantieren zu können. Als beispielsweise die ersten Mails auftraten, war ihre Nutzung kein Problem, sie wurden medial einem erweiterten Handlungskonzept Brief zugeschrieben. Das Smartphone folgte dem Konzept Telefon. Der Computer avancierte zur optimierten Schreibmaschine.“ (Das gedruckte Buch erscheint im Juni 2019).


Eine ähnliche Beobachtung macht auch Peter Glaser unter dem Titel „Warum keiner mehr rangeht“ bei Technology Review. Glaser stellt fest, dass die Telefonkultur verschwindet. Als wichtiges Merkmal der Telefonkultur sieht Glaser „die Übereinkunft, dass Kommunikation, die mit Maschinenhilfe transportiert wird, eine geheimnisvolle Zunahme an Wert erfährt und Vorrang genießt.“ Wenn das Telefon klingelt, dann hatte man ranzugehen, alles andere wurde unwichtig. Dies sei heute nicht mehr so. Und Smartphones, so Glaser, „heißen nicht so, weil sie Telefone sind, sondern weil die Leute wissen, was ein Telefon ist“.


Die New York Times berichtet von einem britischen Forschungsprojekt, bei dem die DNA von Colibakterien „umgeschrieben“ wurde, um deren Erbgut zu komprimieren. Die Bakterien seien ungewöhnlich geformt und würden sich nur langsam vermehren, aber am Leben. Die New York Times wirft die Frage auf, ob es sich um künstliches Leben handle.


Wenn es um künstliche Intelligenz (KI) geht, haben wir es heute mit sogenannter schwacher KI zu tun. Die hat nichts mit selbstbewussten, kreativen Wesen zu tun, wie man sie aus der Science Fiction kennt, sondern es handelt sich im Wesentlichen um die Analyse riesiger Datenmengen, aus denen bestimmte Merkmale extrahiert und ggf. neu kombiniert werden. Wie KI-Systeme das im Detail machen, und wie sich das für Beobachter darstellt, ist selbst ein neues Forschungsfeld, wie die FAZ berichtet. In dem Original-Artikel, den die Initiator*innen dieser „Machine Behavioural Studies“ bei Nature veröffentlicht haben (kostenfrei lesbar), wird der interdisziplinäre Ansatz deutlich: Es wird nicht nur auf ingenieurwissenschaftliche Methoden zugegriffen, sondern auch Erkenntnisse der Verhaltensforschung zu biologischen Akteuren berücksichtigt. Besonders wichtig erscheint mir, dass die Autor*innen individuelles maschinelles Verhalten, kollektives maschinelles Verhalten und „hybrides“ Verhalten von Mensch und Maschine als Ökosystem betrachten, bei dem es zu gegenseitigen Wechselwirkungen kommt. So ein systemisches Verständnis ist heute mehr denn je nötig.


Die Wissenschaft ist permanent damit befasst, Lösungen für große Probleme unserer Zeit zu entwickeln oder über die Folgen möglicher Lösungen zu reflektieren. Dies könnte eigentlich einen großen Einfluss auf die Gesellschaft haben — hat es aber nicht genug, wie Judith Reichel in einem Beitrag im scilogs-Blog „Mit Herz und Hirn“ beklagt. Die Autorin stellt fest, dass zwar ständig wissenschaftlich relevante Themen wie Klimawandel oder Impfpflicht in den Medien vorkommen, dass aber die wissenschaftliche Arbeit dahinter kaum zur Sprache kommt. Reichel stellt die wichtige Frage: „Wie können Vertrauen und Zuversicht in eine Disziplin verlangt werden, wenn über diese selbst nichts bekannt ist?“ Die Autorin stellt fest, dass sich Wissenschaftskommunikation zuletzt sehr verbessert hätte, aber in den traditionellen Medien trotzdem kaum Resonanz finden würde.


Die Grumpy Cat ist tot und WIRED-Autorin Angela Watercutter sieht dies als Zeichen für das Ende des freudvollen („joyful“) Internet. Die Katze, deren Name eigentlich Tardar Sauce war, tauchte 2012 im Internet auf, und sah — zumindest aus menschlicher Perspektive — ziemlich schlecht gelaunt aus. Sie wurde schnell zum Mem. Damals, so die Autorin, „waren Meme noch keine Massenvernichtungswaffen“ und „wir wussten noch, was ein Troll war“. Mit dem Tod von Grumpy Cat verschwinde eine Ära, in der das Internet mehr ein Ort der Freude denn des Hasses war.