Urlaub in Night City: Reisetagebuch zu Cyberpunk 2077 (Teil I)

Endlich ein ausgedehnter Städtetrip, trotz Corona, ganz ohne Maskenpflicht und Abstandsregeln, und mit Keanu Reeves als ständiger Begleiter – morgen ist wohl das Spieleereignis des Jahres: Da erscheint Cyberpunk 2077 der polnischen Entwickler CD Projekt RED, die für ihre überaus erfolgreiche Witcher-Reihe bekannt sind. Millionen Spieler*innen weltweit werden sich jetzt für Tage oder Wochen in das retro-futuristische Open-World-Spiel versenken, jeden Winkel der Spielwelt erkunden und gegen den Konzernkapitalismus antreten, der so typisch für das Science-Fiction-Subgenre „Cyberpunk“ ist. Ich auch. Und in diesem und in folgenden Blogartikeln werde ich Eindrücke dieser Reise teilen.

Trailer zur Veröffentlichung von Cyberpunk 2077

In Cyberpunk-Spielen treten Spieler*innen aktiv in die Fußstapfen der Protagonist*innen genreprägender Literatur der 1980er wie Neuromancer (William Gibson), Snow Crash (Neal Stephenson) oder Mirrorshades (Bruce Sterling) – dystopische heruntergekommene Szenarien, in denen Hacker*innen sich transhumanistisch mit technischen Implantaten aufrüsten und in gesicherte Netzwerke eindringen. Wer zu den teils sperrig geschriebenen Texten und teils recht maskulinen Szenarien keinen Zugang fand, konnte in Filmen wie Blade Runner oder Matrix zumindest atmosphärisch und visuell in typische Cyberpunk-Motive reinschnuppern – auch wenn 1999, als Matrix rauskam, Cyberpunk als Genre fast schon wieder vorbei war. Das reale Internet hatte da schon die ziemlich rückständig wirkenden Visionen der 1980er und frühen 1990er überholt.

Heute ist der Unterschied noch deutlicher, unsere Computertechnik wird von Unsichtbarkeit und Glätte dominiert. Die Realität ist nicht mehr so haptisch wie früher, was den Philosophen Byung-Chul Han vor einigen Jahren zu einer deutlichen Kritik der „Transparenzgesellschaft“ veranlasst hatte. Unsere technische Umwelt dreht sich um WiFi, 5G, Cloud und Touchscreen; dagegen wirken Netzwerkkabel, Festnetz-Telefon, Diskette und sogar Tastatur wie Relikte einer vergangenen Ära. Digitale Vernetzung war damals neu und aufregend, heute ist sie für viele Leute zur Trivialität geworden. Nur Künstliche Intelligenz war damals wie heute Thema (zuletzt in Gibsons neuem Roman Agency).

Aber genau die zumindest teilweise noch handfeste Technik ist ein Grund, warum Cyberpunk-Motive jetzt wieder an Reiz gewinnen. Ein Spiel wie Cyberpunk 2077 ist nicht nur mit einem Kino-Blockbuster vergleichbar und dürfte allein deshalb erfolgreich werden, sondern führt uns auch zurück in „die gute alte Zeit“. Es zeigt uns nicht nur eine fiktive Zukunft, sondern erinnert uns daran, wie wir uns früher die Zukunft vorgestellt hatten – damals, als wir selbst noch jünger waren und vielleicht den ersten eigenen Heimcomputer ausprobierten – und was seitdem verloren ging.

Und das ist neben der Hardware, der „harten“ Technik, vor allem das Versprechen, darüber Kontrolle erlangen zu können.

Im nächsten Teil: Cyberpunk als Weg zurück in die „irgendwie doch sichereren“ 1980er und -90er

(Titelbild: CD Projekt / IGDB)

Cyborg gegen KI? Elon Musks „Neuralink“

Auf den Unternehmer Elon Musk scheint der etwas abgegriffene Begriffs des „Machers“ noch zu passen: Elektroautos nicht nur bauen, sondern als attraktiv vermarkten? Das tut Musk mit seiner Firma Tesla, in die er seit 2004 investiert. Dafür in Windeseile eine Fabrik in Brandenburg hochziehen? Scheinbar trotz Protesten kein Problem. Eine private Alternative zur staatlichen US-Raumfahrt bieten? Musk und SpaceX tun das seit 2002; vor ein paar Monaten erstmals auch mit zwei Astronauten an Bord. Menschen und Fracht mit fast Schallgeschwindigkeit durch Tunnelröhren transportieren? Daran arbeitet seit 2013 Musks Hyperloop-Projekt.

Doch neben Transportmitteln interessiert sich Elon Musk auch für die Natur des Menschen selbst: Seit 2016 untersucht Musks Firma Neuralink Möglichkeiten, Computerchips in menschliche Gehirne einzupflanzen. Gehirnchips, die unsere Fähigkeiten erweitern – für die einen Horrorvorstellung, für die anderen nur Beginn transhumanistischer Sehnsucht. Den Prototypen eines Gehirnchips stellte Musk im Juli 2019 vor, und in einem Livestream präsentierte er am Samstag einige Fortschritte bezüglich der Implantation des Chips selbst – 1.024 Elektroden werden von einem Roboter implantiert, angeblich sanfter als bei früheren Methoden (Bericht bei golem.de).

Soll es am Anfang noch um Unterstützung für körperlich beeinträchtigte Menschen gehen, ist Musks Fernziel, die kognitiven Fähigkeiten von Menschen so zu steigern, dass wir mit Künstlicher Intelligenz (KI) mithalten können. Musk hat schon früher betont, dass er KI als zwar nützlich, aber auch als potenzielle Bedrohung ansieht; er unterstützt deshalb die Non-Profit-Organisation OpenAI, die im März mit GPT-3 die bislang am erfolgreichsten funktionierende KI zur Erzeugung längerer englischsprachiger Texte vorgestellt hat.

Die Philosophin Susan Schneider warnte 2019 nach Musks Ankündigung vor den Gefahren, die Musks Pläne für den menschlichen Geist bedeuten würden. In der Financial Times und in der New York Times warnte Schneider vor einem „Selbstmord des menschlichen Geistes“ (näher ausgeführt hat Schneider das etwas später in ihrem Buch „Artificial You: AI and the Future of Your Mind“). Erstaunlicherweise wurde in den Medien aber kaum über Musks Ausgangsthese gesprochen, die ja besagt, dass wir von KI bedroht werden und gleichsam aufrüsten müssen, um dieser Bedrohung Herr zu werden. Dabei ist gerade das Verhältnis von Mensch und KI eine Frage, die zu klären wäre, bevor wir ihretwegen wahlweise zu Cyborgs werden oder jegliche transhumanistische Idee sofort abtun.

Ist also KI für uns Technik wie jede andere, die wir als mündige Nutzer*innen verwenden, um ein konkretes Problem zu lösen?

Oder ist KI etwas, der wir uns einfach nicht werden entziehen können, von deren Leistungen wir abhängig werden (zumindest, wenn wir gesellschaftlich nicht ‚abgehängt‘ werden wollen), und die uns deswegen auch fremdbestimmen wird?

Die Antwort hängt davon ab, welche Einstellung wir modernen Technologien gegenüber einnehmen. Stehen wir ihnen optimistisch gegenüber, oder nehmen wir sie als Bedrohung wahr?

Unbehagliche Umweltkomplexität

Dass wir uns als Menschen von Technik bedroht fühlen, ist nichts Ungewöhnliches. Das betrifft uns sowohl als Gesellschaft (etwa hinsichtlich Umweltfragen und der Gefahr des Arbeitsplatzverlustes) als auch als Individuen. Insbesondere Technik, deren innerer Aufbau und deren Funktionsweise nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, kann zu Unbehagen führen. Das betrifft erstens ihren Einsatz, wenn wir direkt mit ihr zu tun haben, und zweitens Nebenfolgen, von denen wir als Dritte betroffen sein könnten. Denken wir etwa an das Fliegen:

  1. Viele Menschen haben Flugangst. Die Gründe dafür können vielfältig sein, aber eine der Ursachen können wir als ungläubiges Staunen vor einer als unbegreiflich empfundenen Technik beschreiben: Man ist gleichermaßen fasziniert von der Technik wie man besorgt ist, ob sie auch wirklich wie versprochen funktioniert. Wie kann es sein, dass ein Flugzeug bei Triebwerksausfall nicht einfach vom Himmel fällt? Erst wenn man Funktionsweise und Kontext der am Fliegen beteiligten Techniken und physikalischen Zusammenhänge kennt, kann man Risiken rational abschätzen und begründen.
  2. Neben dem Mitfliegen als Passagier*in sind wir vom Fliegen betroffen, weil es in unserer Umwelt stattfindet und diese Umwelt teils massiv verändert. Darauf reagieren Menschen: Denken wir etwa an Flugscham, an Proteste bei Flughafen-Ausbauten oder an Lärmbeschwerden von Anwohner*innen in Flughafennähe. Nicht das Fliegen selbst wird hier als Bedrohung gesehen, sondern die Folgen und die Voraussetzungen des Fliegens werden als Bedrohung Umwelt und der eigenen Gesundheit wahrgenommen.

Ganz ähnlich ist unsere Beziehung zu Technik insgesamt. Wir sehen uns Technik gegenüber: Wir sitzen als klar abgegrenzte Akteur*innen im Flugzeug, vor dem Computer, wir halten die Bohrmaschine in der Hand, und so weiter. Systemtheoretisch ist das eine Leistungsbeziehung zwischen System und Umwelt. Technik ist Umwelt gesellschaftlicher Systeme, wie Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, aber auch einzelner Nutzer*innen. Nach Niklas Luhmann ist die Leistung von Technik, Komplexität zu verringern. Technik wird von ihren Entwickler*innen so eingerichtet, dass sie diese Leistung in den als am wahrscheinlichsten angenommenen Situationen erbringen kann. Um Technik zu nutzen, müssen wir nur gewisse Grundkenntnisse erwerben und können ansonsten darauf vertrauen, dass die Technik unsere Erwartungen erfüllt (wir müssen freilich auch mit Enttäuschung dieses Vertrauens umgehen).

Die systemtheoretische Perspektive auf Nutzer*in und Technik passt gut auf Verhältnisse, in denen man als Beobachter*in unterschiedliche Systeme und ihre Umwelten klar voneinander abgrenzen kann. Schwierig wird es jedoch, wo diese klare Trennung schwer fällt. Künstlicher Intelligenz etwa stehen wir nicht als gewöhnliche Nutzer*in gegenüber wie einer Bohrmaschine oder einer Textverarbeitung. Womöglich wissen wir gar nicht, dass KI hinter einer erbrachten Leistung steckt.

Im Sommer 2019 füllte die „FaceApp“ kurzzeitig das journalistische Sommerloch. Damit können Sie das Foto eines Gesichts mit KI-Hilfe und Bildverarbeitung verändern, zum Beispiel aus einem jungen Mann einen weise aussehenden älteren Herrn zu machen. Oder aus einer jungen Frau eine nette, gütige „Oma“. Andere, technisch ähnliche Anwendungen, erlauben die Generierung fiktionaler Gesichter, die ebenfalls absolut lebensecht aussehen. Das erleichtert Identitätsbetrug.

Ein noch fiktives bedrohliches Szenario könnte die behördlich angeordnete Einschränkung Ihrer Bewegungsfreiheit sein, weil Sie laut KI-Prognose bald eine Straftat begehen werden, von der Sie selbst noch gar nichts wissen. Womöglich könnten Sie Widerspruch gegen die Entscheidung einlegen, hören dann aber nur die Antwort „Es tut mir leid, aber unsere Risiko-KI hat das so entschieden.“ Dann fühlen Sie sich so hilflos wie einst Josef K. in Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ – einem System ausgeliefert, dessen Entscheidungen man nicht versteht und gegen die man nichts, aber auch gar nichts, tun kann.

So eine KI wäre zwar immer noch Umwelt der anderen Systeme, aber ihre Leistungen kämen eher einer Naturgewalt gleich statt einer kontrollierbaren Technik. Die KI würde eher Umweltkomplexität erzeugen statt sie zu verringern. Wer mag es einem Elon Musk da verdenken, dass er Menschen mittels Chip im Kopf die Möglichkeit geben will, einer KI quasi auf Augenhöhe zu begegnen?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Hauptproblem an Musks Ansatz nicht die technische Machbarkeit. Es ist auch nicht die – philosophisch sicher spannende – Frage, ob ein Chip im Gehirn den menschlichen Geist erweitert, so wie es etwa Andy Clark und David J. Chalmers 2013 in ihrer Extended Mind Theory schon für einfache Techniken wie ein Notizbuch behaupteten (und ähnlich schon früher die Medientheorie Marshall McLuhans), oder ob Susan Schneider mit ihrer Selbstmord-These Recht hat. Wenn wir wirklich von KI bedroht sein sollten, ist das Hauptproblem derzeit, ob Musks Ansatz geeignet ist, das Problem zu lösen, oder ob es nicht auch einfacher geht.

Statt Gehirnchips: Verstehen und Intervention

Eine Alternative finden wir in der Forderung, in Bezug auf Digitalisierung eine „Code Literacy“ auszubilden (so Douglas Rushkoff in seinem Buch „Program or be Programmed“), also verstehen zu lernen, wie Computer und Algorithmen mit unseren Daten umgehen, damit wir mündige Nutzer*innen sein können. In Bezug auf KI denke ich dabei an drei Aspekte:

  • die Fähigkeit, zu erkennen, dass wir in einer bestimmten Situation von KI betroffen sind;
  • das Wissen darüber, was eine KI grundsätzlich tun kann oder nicht – wo also ihre realistischen Fähigkeiten und Grenzen liegen;
  • das Wissen darüber, was Menschen, die eine KI einsetzen, mit ihrer Hilfe tun können oder nicht.

Es geht, kurz gesagt, darum, die System-Umwelt-Verhältnisse der beteiligten menschlichen, gesellschaftlichen und technischen Systeme zu klären und die erwarteten und erbrachten Leistungen einzuordnen. Dann ist es möglich, Interventionsmöglichkeiten zu identifizieren und, anders als Josef K. in Kafkas Roman, KI nicht als mystische Macht wahrzunehmen, die irgendwo im Hintergrund lauert, sondern als Technik wie jede andere auch. Die Ausbildung dieser auf KI erweiterten Code Literacy führt zu einer Demystifizierung, die schon Max Weber in Bezug auf Wahrheitsansprüche gefordert hatte, und an die zu erinnern mir mittlerweile auch für das Alltagsleben geboten erscheint.

Aktuelle KI-Systeme sind lediglich mathematische Modelle, deren Einzelteile fast lächerlich einfach erscheinen können (z.B. das einzelne künstliche Neuron eines neuronalen Netzes). Nur dank der großen Zahl der Einzelteile (z.B. aller Neuronen des Netzes) und mehrfach wiederholter Berechnungsdurchgänge entstehen Ergebnisse, die mitunter selbst die Entwickler*innen überraschen. Aber es ist nach wie vor bloße Mathematik, und eine KI kann nicht, wie in der Science Fiction, auf geradezu magische Art über sich hinauswachsen. Entwickler*innen wählen Trainingsdaten aus, legen Aktivierungsfunktionen und Gewichtungen fest, markieren Ergebnisse als gewünscht, um eine Abbruchbedingung für die Berechnung zu haben, und entwickeln Algorithmen, die selbst bei KI-Systemen auf einer basalen Ebene existieren. Daher tut auch eine KI nur das, wofür sie programmiert wurde. Sie ‚trifft‘ keine eigenen Entscheidungen.

Die Verantwortung für Fehlentscheidungen tragen Menschen, und an die müssen wir uns bei Fehlentscheidungen wenden. Zu verstehen, wie KI funktioniert und zu was sie in der Lage ist (und wozu nicht), hilft dabei. Neben bereits bestehenden Arbeiten zur menschenfreundlichen Darstellung von KI-Entscheidungsprozessen wäre es wünschenswert, wenn die Modelle und Datenbasen einer KI einer Open-Source-Pflicht unterliegen würden. Darüber hinaus bedarf es gesellschaftlicher Organisationsformen als Entlastungsfunktion – zum Beispiel in Form spezieller Abteilungen in Unternehmen und Behörden, die unsere Widersprüche gegen KI-Entscheidungen bearbeiten und KI-Entscheidungen übersteuern können, sowie neutraler Schiedsstellen, an die wir uns wenden können, wenn eine andere Einigung nicht möglich ist. Ein zu erwartender Wegfall von Arbeitsplätzen durch KI muss gesellschaftlich bearbeitet werden – von Fortbildungsprogrammen bis hin zu Grundeinkommensmodellen (denn trotz Fortbildung wird nicht jede*r eine andere Tätigkeit finden), ebenso wie mögliche ökologische Folgen des Energieverbrauchs.

Dies wären Ansatzpunkte für eine menschliche Umgangsweise mit Herausforderungen von KI-Einsatz – zwar kritisch und durchaus der Gefahren bewusst, aber unaufgeregt und grundsätzlich technik-optimistisch. KI hingegen als quasi naturgegebene Macht anzusehen, der wir uns nur durch technische Aufrüstung im Gehirn erwehren können, kommt der Bekämpfung von Feuer mit Öl gleich. Neuralinks Produkt wäre für diesen Einsatzzweck eine Technik, die mehr Komplexität schafft als sie verringert, und zumindest in dieser Hinsicht widersinnig. Nicht nur aus Machbarkeitsgründen wäre es sinnvoller, den Fokus auf die viel naheliegenderen medizinischen Möglichkeiten solcher Chips zu legen, die Musk aber nur als Einstieg sieht.

Titelbild: chenspec / pixabay.com

Den Artikel habe ich zeitgleich in meinem Blog in der Freitag.de-Community gepostet.

Würdiges Ende, Unnötiger Neubeginn: Star Trek: Picard

Die erste Staffel der bei Amazon Prime laufenden Serie Star Trek: Picard, über die ich vor ein paar Wochen schon einmal schrieb, ist nun zu Ende. Spontan schießen mir dazu folgende, spoilerhaltige Gedanken durch den Kopf:

  • Star Trek: Picard ist von Anfang bis Ende besser als der vorige Versuch einer Wiederbelebung des Franchise, Star Trek: Discovery, was allerdings auch nicht schwer ist.
  • Star Trek: Picard ist aus heutiger Sicht auch besser als die ersten paar Folgen von Star Trek: The Next Generation (TNG, 1987-1994), in denen die Rolle des Captain Jean-Luc Picard erstmals eingeführt wurde.
  • Was auch daran liegt, dass die Rolle der Titelfigur in der neuen Serie wesentlich sympathischer rüberkommt als gerade zu Beginn von TNG. Damals war Picard ein (man muss es leider sagen) arroganter, unsympathischer übertrieben distanzierter Militärangehöriger (erst im Verlauf von TNG hat sich das abgeschwächt). Heute ist er ein alter, langsamer, unsicherer alter Mann, der noch einmal etwas Gutes tun will.
  • Die neue Serie funktioniert vor allem deshalb, weil so viele alte Figuren auftauchen, es viele kleine und große Bezüge zu früher sowie bekannte Rituale gibt. Im Prinzip ist Star Trek: Picard ein melancholisches Klassentreffen alt gewordener Held*innen.
  • Aber ausgerechnet die Titelfigur, die sich immer noch bemüht, als Stimme der Vernunft und des Friedens in einem abweisend gewordenen Universum wahrgenommen zu werden, muss erfahren, dass sie ihre Zeit hinter sich hat. Weder wird in der Sternenflotte und anderswo auf Picards Rat gewartet, noch wird auf ihn gehört.
  • Die in der ersten Staffel gezeigte Geschichte ist nichts Besonderes, aber in Ordnung. Es geht um künstliche Lebensformen; Androiden, wie der bekannte Commander Data, der ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Menschen und Romulaner fürchten sich gleichermaßen vor den Androiden. Während die Menschen Androiden deshalb verboten haben, bemühen sich die Romulaner gleich um ihre komplette Auslöschung.
  • Picards selbstauferlegte Mission ist es daher, eine der Androidinnen, Soji, zu beschützen. Das liegt daran, dass Picard in Soji eine ‚Verwandte‘ seines im Film Star Trek: Nemesis zerstörten Freundes Data erkennt. Soji (die erfreulich unaufgeregt gespielt wird) weiß erst selbst nicht, dass sie kein ‚echter‘ Mensch ist, aber in der zweiten Staffelhälfte erkennt sie es und will zu dem Planeten reisen, von dem sie stammt.
  • Dort gibt es nämlich eine ganze Kolonie von Data-artigen Androiden, die auch alle so ähnlich aussehen, manche mehr, manche weniger künstlich. Da die Serie Jahrzehnte nach TNG spielt, halte ich das für nicht unplausibel. Es war schon immer Datas Wunsch, sich fortzupflanzen, und dass der Sohn von Datas Erfinder Dr. Soong nun dabei unterstützt, ergibt Sinn.
  • Leider ist die Chefin der Kolonie, eine weibliche Androidin, überzeugt, dass biologische Lebensformen die Androiden alle vernichten werden. Darum ruft sie irgendwelche (sehr seltsam aussehenden) Maschinenwesen ‚von außerhalb‘ herbei, die das biologische Leben vernichten sollen, und Soji hilft ihr dabei.
  • Die Maschinenwesen ‚von außerhalb‘ sehen leider lächerlich aus und sind offenbar riesige eckige Würmer mit großen Mündern. Das ist ein Discovery würdiger Fremdschäm-Moment, der glücklicherweise schnell vorbei geht, weil Soji endlich doch auf Picards Flehen hört, es sich mit der Vernichtung allen Lebens noch einmal zu überlegen.
  • Die „KI-kämpft-aus-Angst-um-sich-gegen-ihre-Schöpfer“-Geschichte ist eine alte Geschichte. Ihre philosophische Tragweite wird in Star Trek: Picard nicht ausgeschöpft. Besser hat das 2009-10 das leider nur kurzlebige Battlestar Galactica-Prequel Caprica gemacht.
  • Um sich gegen die scheinbare Bedrohung zu wehren, wäre es im Sinne einer kohärenten Geschichte sinnvoller gewesen, wenn die Androiden statt der Kontaktaufnahme zu den seltsamen Maschinenwesen versucht hätten, den von den Romulanern übernommenen Borg-Würfel zu zweckentfremden. Die ganze Borg-Nebenstory ist nämlich insgesamt eher austauschbar — d.h. alles, was in dem Borg-Schiff passiert ist, hätte auch in einem anderen Kontext geschehen können.
  • Trotzdem war es cool, als die aus Star Trek: Voyager bekannte Ex-Borg Seven of Nine kurzzeitig zur neuen Borg-Königin wurde und Hunderte wiedererwachte Borgdrohnen ihr Sprüchlein aufzusagen begannen („Wir sind die Borg. Widerstand ist zwecklos“). Begannen, weil sie alle kurz darauf von der bösen Romulaner-Agentin ins All geblasen wurden.
  • Solche Spiele mit nicht erfüllten Erwartungen gibt es übrigens öfter, was ich an der neuen Serie durchaus mag. Man glaubt oft zu wissen, was nun kommt, und tatsächlich scheint genau das zu geschehen — aber dann doch nicht. Neben der eben erwähnten Szene und den ständigen erfolglosen Appellen Picards ist auch der Höhepunkt am Ende der letzten Folge so ein Moment. Vorgeschädigt vom wirklich schlechten Ende der zweiten Staffel von Star Trek: Discovery, erwartet man eine unsinnig choreografierte Massenschlacht zwischen viel zu vielen schlecht erkennbaren Raumschiffen — aber glücklicherweise hört Soji am Ende endlich auf den alten Mann und bricht die Verbindung zu den komischen bösen Maschinenwesen ‚von außerhalb‘ ab.
  • Captain Picard stirbt am Ende der Serie an der neurologischen Krankheit, die schon zu TNG-Zeiten erwähnt wurde. Und dabei hätte man es belassen sollen, denn dann wäre Star Trek: Picard eine nette kleine Geschichte geblieben; wie ein Kinofilm in Überlänge, der insbesondere Datas Suche nach Menschlichkeit zu einem wirklich okayen Abschluss bringt.
  • Leider hat man sich entschieden, das Bewusstsein von Picard nach seinem Tod in einen perfekt menschlich aussehenden Androidenkörper zu transferieren, wiederum wie damals bei Caprica, sodass die (schon lange bestellte) zweite Staffel der Serie möglich ist. Über die womöglich traumatischen Folgen so einer transhumanistischen Todeserfahrung für das Individuum verliert die Serie kein Wort. Stattdessen steht man friedlich vereint auf der Brücke, Picard-im-Androiden-Körper sagt wie früher: „Energie!“ und das Raumschiff fliegt los in Richtung Staffel zwei.
  • Es gibt diverse Logiklücken. Die zwei schlimmsten meiner Ansicht nach: Warum kann sich Picards früherer erster Offizier William T. Riker so einfach aus dem Ruhestand holen lassen und bekommt dann gleich mal das Kommando über eine hunderte Schiffe umfassende Flotte, um Picard gegen die Romulaner zu unterstützen, obwohl die Sternenflotte Picard gar nicht unterstützen will? Und muss sich Dr. Jurati nicht noch für ihren Mord an Dr. Maddox verantworten?

Insgesamt hat es mir Spaß gemacht, die Serie zu schauen, und ich werde sie mir sogar noch einmal am Stück angucken. Große Fernsehgeschichte dürfte sie wohl nicht schreiben, aber das muss auch nicht sein. Trotz ihrer Mängel ist sie unterhaltsam und ein nostalgischer Blick zurück. Aber ob eine zweite Staffel wirklich nötig ist … da bin ich mir nicht sicher. Die müsste aus mehr bestehen als nur Nostalgie. Ich bin gespannt.