Film: The Wolf’s Call – Entscheidung in der Tiefe (2019)

Wie kann man eine Kritik beginnen und begründen für einen Film, der erstens schon 2019 herauskam, dem zweitens keine große Aufmerksamkeit zuteil wurde, der drittens nicht direkt mit Digitalisierung, KI & Co. zu tun hat und der viertens dem eher obskuren Genre der U-Boot-Filme angehört? Darum: „The Wolf’s Call: Entscheidung in der Tiefe“ („Le Chant du Loup“, Frankreich 2019, Buch und Regie: Abel Lanzac) zeigt, wie algorithmenhaft moderne militärische Logik funktioniert, wie ausgeliefert die Protagonist*innen den Entscheidungsprozessen und Protokollen sind, die individuelles Handeln unterbinden sollen und wie unmenschlich die Menschen dann erscheinen.

Der Kern der Handlung ist schnell erzählt und weil die nicht besonders innovativ ist, verzichte ich auf Spoiler-Warnungen: Nachdem Russland einen Teil Finnlands militärisch besetzt hat, steigen die Spannungen. Schließlich schießt ein vermeintlich russisches U-Boot eine Atomrakete auf das NATO-Land Frankreich ab. Das Abfangen der Rakete misslingt und so gibt der Präsident den Befehl zum nuklearen Gegenschlag, der vom französischen U-Boot Effroyable aus erfolgen soll.

Nach Erhalt dieses Befehls darf der Kapitän des Boots keine weiteren Befehle mehr entgegennehmen, schon gar nicht einen Widerruf des Befehls, denn der könnte ja vom Feind stammen. So will es „das Protokoll“, das im Film immer wieder so benannt wird (und eigentlich hätte man den Film auch so betiteln können). Dummerweise stellt man kurze Zeit später fest, dass die Rakete gar nicht mit einem Sprengkopf versehen war und auch nicht von Russland gestartet, sondern von Terroristen, die irgendwie an ein früheres sowjetisches U-Boot gekommen sind. Ein zweites französisches U-Boot, die Titane, wird hinterhergeschickt und soll die Effroyable am Gegenschlag hindern.

Der Film ist recht spannend, die Charaktere sind relativ sympathisch und glaubhaft. Und man kann sich denken, dass insbesondere die Szenen an Bord der beiden U-Boote atmosphärisch dicht sind und an die Klassiker „Jagd auf Roter Oktober“ (1990, mit dem erst kürzlich verstorbenen Sean Connery) und „Das Boot“ (1981, seit 2018 als Serie neu aufgelegt) erinnern.

Der mediale „Mythos U-Boot“, den Linda Maria Koldau vor einigen Jahren in einer gleichnamigen Studie aufgearbeitet hat, setzt sich in „The Wolf’s Call“ fort. Wir erkennen ihn im Motiv der jungen Männer, die in einer engen Stahlröhre in einer Art mythischen Schicksalsgemeinschaft aneinander gebunden sind und einen erfahrenen Kommandanten als Vaterfigur haben; oder an typischen audiovisuellen Elementen wie den Meeresgeräuschen im Hydrophon und dem „Ping“ des Sonars, das hier eher nach einem Kreischen klingt und das Wolfsgeheul sein soll, das dem Film seinen Namen gibt.

Doch „The Wolf’s Call“ ist kein Hollywood-Action-Thriller. Er ist auch kein Kriegs- oder Anti-Kriegsfilm. Eher erinnert er an einen Politkrimi, der ruhig und nüchtern erzählt ist und stellenweise sehr melancholisch daherkommt. Zwar wird der nukleare Weltuntergang verhindert, aber der Preis ist hoch und am Ende bleibt man eher verängstigt denn erleichtert zurück – verängstigt ob der kalten militärischen Vorgänge und des blinden Gehorsams, der im System des Militärs angelegt ist und durch die technische Distanzierung zu den Opfern gefördert wird.

„Das Protokoll“ des Gegenschlags manifestiert sich in eigentlich simplen Bedienvorgängen technischer Systeme an Bord der Effroyable. Und dass kein offizieller Weg vorgesehen ist, ein fälschliches Auslösen des „Protokolls“ zu stoppen, ist erschreckend. Es liegt daher am einzelnen Individuum, sich „dem Protokoll“ zu widersetzen. Der deutsche Untertitel des Films „Entscheidung in der Tiefe“ meint damit gar nicht nur, wie der Kampf der beiden U-Boote gegeneinander ausgeht. Die eigentliche Entscheidung ist, wie man mit so einem unmöglichen Befehl umgehen würde. Oder (aber das fragen sich die Protagonisten natürlich nicht), ob man überhaupt in einer Organisation tätig sein will, in denen es Befehle und Protokolle gibt, die jeglichen menschlichen Einspruch ausschließen.

Interessant ist der Film am Ende auch als politisches Produkt. Der Regisseur war früher als Diplomat tätig und man möchte dem Film (der Großbritannien gar nicht und die USA nur in einer Nebenbemerkung erwähnt) unterstellen, dass er das Selbstverständnis Frankreichs als ‚Atommacht‘ unterstreicht und möglicherweise auch politische Ambitionen wiedergibt – etwa die von manchen gewünschte größere weltpolitische und damit militärische Bedeutung der EU und Frankreichs darin.

In dem Zusammenhang schrieb die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer kürzlich, „die Europäer werden nicht in der Lage sein, die entscheidende Rolle Amerikas als ein Sicherheitsanbieter zu ersetzen“. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warf ihr daraufhin eine „Fehlinterpretation der Geschichte vor“ und betonte, dass Europa unabhängiger von den USA werden müsse. Eine unter anderem von Macron geforderte eigene europäische Armee wäre in der Praxis sicher stark an Frankreich gebunden; eine Situation wie im Film, in der Frankreich stellvertretend für die anderen Länder die Initiative als ‚Weltpolizist‘ ergreift, dann nicht weit hergeholt.